Thesen zu Jesus und dem "Sühnetod"

Administrator (admin) on 01.01.2014

In religiöser Hinsicht wahr sein kann nur etwas, was mich von innen heraus überzeugt ...

  1. In religiöser Hinsicht wahr sein kann nur etwas, was mich von innen heraus überzeugt. Religiöse Wahrheit ist damit ihrer Natur nach subjektiv (Kierkegaard). Sie ist etwas anderes als historische Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit. Die (stets vorläufigen) Ergebnisse historischer Forschung sind für den Glauben nicht konstitutiv, aber unter Umständen kor-rektiv. Das heißt: Sie können den Glauben nicht begründen, aber ihn eventuell auf Irrwege aufmerksam machen.
     
  2. Die Frage nach der Heilsbedeutung des Todes Jesu ist falsch gestelIt. Die Heilsbedeutung Jesu, mit der der christliche Glaube steht und fällt, liegt nicht in seinem Sterben, sondern in seiner Lebendigkeit davor und danach - einer Lebendigkeit, die entscheidend mit dem Wirken des göttlichen Geistes zu tun hat.
     
  3. Der historische Jesus sah seinen Auftrag darin, in Wort und Tat das anbrechende Reich Gottes zu verkündigen. „Reich Gottes“ ist dabei ein – damals geläufiges – Bildwort für den Inbegriff dessen, worauf religiöse Sehnsucht hofft: die heilschaffende Nähe Gottes und im Zusammenhang damit eine heile Welt ohne Krankheit und Tod, ohne Hunger und Elend, ohne Leid und Schuld.
     
  4. Der historische Jesus sah seinen Auftrag nicht darin, zur Sühne für unsere Sünden zu sterben. Der Gott, zu dem er „Vater“ sagt, ist weit davon entfernt, als Preis für die Vergebung ein derartiges Sühnopfer zu verlangen. Das geht in breiter Linie aus dem Reden und Handeln Jesu hervor: aus seiner unblutig-unkultischen Praxis der Sündenvergebung, aus seinen (die Vergebung Gottes einschließenden) Mahlgemeinschaften mit den „Zöllnern und Sündern“, aus sämtlichen Gleichnissen, die von Vergebung handeln, aus der fünften Bitte des Vaterunsers usw.
    Aus eben diesen Gründen sah sich der historische Jesus auch nicht als der „Ieidende Gottesknecht“ von Jesaja 53. Das Gottesbild, das uns dort begegnet (der Gott, der zum Heil der anderen Menschen seinen Knecht zusammenschlägt), ist mit dem Gottesbild Jesu unvereinbar.
     
  5. Jesu Verhalten, seine Botschaft und sein Gottesbild brachten ihn je Iänger, je mehr in Konflikt mit gewissen Vertretern einer konservativ-gesetzestreuen Theologie und Frömmigkeit. Der Konflikt gipfelte in der sog. „Tempelreinigung“, die in Wahrheit einen demonstrativen Protest gegen den Opferkult darstellte. Eben dieser Konflikt war es, der zur Verhaftung und Hinrichtung Jesu führte.
    Zu beachten ist dabei, dass Jesus sich (gegen Paulus und andere Briefschreiber) keineswegs von sich aus „dahingibt“ (wozu hätte er das auch tun sollen?). Er stellt sich in Jerusalem nicht etwa den Behörden, um freiwillig in den Tod zu gehen. Sondern er verliert sein Leben gegen seinen Willen durch nächtlichen Verrat und fremde Gewalteinwirkung.
     
  6. Der Kreuzestod Jesu war für seine Anhänger und -innen zunächst ein ungeheurer Schock, unerwartet und irritierend. Anstelle des angekündigten und erhofften Gottesreiches nun Schmerz und Verzweiflung! Durch die Katastrophe dieser Hinrichtung schien alles, was Jesus vertreten hatte, ad absurdum geführt (vgl. Lukas 24, 19 ff).
    Die Ostererscheinungen haben dann - völlig überraschend - den Anspruch Jesu bestätigt. Das Rätsel seines elenden Sterbens haben sie jedoch nicht entschlüsselt, sondern eher noch verschärft: Wenn Jesus wirklich der „Christus“ (Messias) war, d.h. der von Gott gesandte und von seiner Gegenwart erfüllte Heilbringer - warum dann dieser grauenhafte, schmachvolle Verbrechertod?
     
  7. Der bekannte psychologische Selbstschutzmechanismus der Schmerzvermeidung durch Verdrängung oder Umdeutung lässt sich auch in den Evangelien beobachten. Die Tradenten versuchten, den Skandal von Verrat und Kreuzigung dadurch zu entschärfen, dass sie Jesus zunehmend unterstellten, er habe sein Schicksal exakt vorausgesehen (Leidensankündigungen usw.) und bewusst eingewilligt (Gebet in Gethsemane). So wurde die unbegreifliche Katastrophe zur freien Entscheidung Jesu umstilisiert (besonders auffällig im Johannes-Evangelium).
     
  8. Das alte, wohl bis in die Jerusalemer Urgemeinde zurückreichende Bekenntnis von 1.Korinther 15,3-5 zeigt jedem, der es sehen will: Die Deutung des Kreuzes als stellvertretender Sühnetod für unsere Sünden entstammt nicht der Verkündigung Jesu, sondern bestenfalls der Auslegung des Alten Testaments seitens der Urchristenheit (falls der recht vage Hinweis auf „die Schriften“ nicht nur ein Postulat war, also ein Schrotschuss „auf Verdacht“). Von dieser Auslegung wissen wir, dass sie – wie damals üblich – unhistorisch und unkritisch verfahren ist. Sie hat nicht nach dem ursprünglichen Sinn einer Bibelstelle gefragt, sondern Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und das hineingelegt, was man herauszulesen wünschte.
    Da die Methode dieser Schriftauslegung aus heutiger Sicht unzulässig, vorurteilsgeleitet und oft genug irreführend ist, können wir nicht davon ausgehen, dass ihre Ergebnisse – beispielsweise die Deutung des Todes Jesu als stellvertretendes Sühnopfer für unsere Sünden – richtig, angemessen oder gar zeitlos gültig sind.
    Manche versuchen, die Zeitbedingtheit und methodische Schwäche dieser Schriftauslegung mit dem Hinweis auf den Heiligen Geist zu vertuschen. Aber dieser allzu durchsichtige Immunisierungsversuch entbehrt der biblischen Grundlage. Unfehlbarkeit der Auslegung (oder Überlieferung) gehört nicht zu dem, was uns als „Frucht des Geistes“ verheißen ist (vgl. Galater 5,22f). Auch Apostel können irren.
     
  9. Die Deutung des Kreuzestodes Jesu vom alttestamentlichen Sühnopfer her hat sich im 1. Jahrhundert n. Chr. offenbar nahegelegt und wohl auch wesentlich zum Erfolg der paulinischen Missionstätigkeit beigetragen. Bei näherem Zusehen entpuppt sich diese Deutung jedoch als interpretatorischer Gewaltakt, und zwar aus folgenden Gründen:
     
    • a) Die alttestamentliche Sühne ist ein kultisches Geschehen. Die Kreuzigung Jesu war dagegen ein profaner Vorgang. Es fehlen sämtliche Elemente, die für den Sühnekult konstitutiv sind: Priester, Altar, Handaufstemmung, rituelle Behandlung des Blutes usw.
    • b) Gegenüber dem im Alten Testament üblichen Tieropfer ist ein Menschenopfer ein Rückfall in die Barbarei. Das kurze (und fast schmerzlose) Sterben der Opfertiere erscheint weitaus humaner als der stundenlange Foltertod am Kreuz. – Der Einwand, am Kreuz habe sich ja Gott geopfert, ist nicht stichhaltig. Gott als Gott kann nicht sterben. Auch aus konservativer Sicht muss er dazu erst einmal Mensch werden.
    • c) Die verhängnisvollen Folgen böser Taten wirken sich – auch im antiken Weltbild – immer in Richtung Zukunft aus, nicht „nach rückwärts“. Gegenwärtige Sünde kann folglich nicht durch ein in der Vergangenheit liegendes Opfer gesühnt werden. (Entsprechend redet das alte Bekenntnis von Römer 3,25f noch von den früher begangenen Sünden.)
    • d) Sühnopfer und Auferstehung passen nicht zusammen. Indem ein Sühnopfer stirbt, hat es seinen Daseinszweck erfüllt.
  10. Eine Grundeinsicht der Hermeneutik (Wissenschaft vom Verstehen und Auslegen) wie auch der Kommunikationspsychologie besagt: Wenn man eine Aussage in einen anderen Zusammenhang hineinstellt, sagt sie etwas anderes aus. Wir leben heute nicht mehr im Sinnzusammenhang (Weltbild, Paradigma) der Antike. Darum hat die Deutung des Todes Jesu als „Sühnetod“ für die große Mehrzahl unserer Zeitgenossen seine einstige Plausibilität verloren. Sie wirkt heute meist nicht mehr befreiend und heilend, sondern befremdlich, bedrückend und abstoßend – kein Eu-angelion, sondern ein „Dysangelion“ (Nietzsche).
    Auch in Predigt und Unterricht lässt sich diese Deutung (außer in pietistischen Kreisen) kaum noch vermitteln. Die entsprechenden Versuche fallen entweder blass und formelhaft aus („dogmatische Pflichtübungen“) – oder aber verzwungen bis grotesk.

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