Replik auf „Nur was wir glauben, wissen wir gewiss“

Administrator (admin) on 19.11.2020

Ulrich Börngen, EA-Tagung Göttelfingen im März 2020

ea nachrichten, LV Württemberg der EAiD, Nr. 369 August 2020

Der Bericht über das in der Tat provozierende Thema der EA-Tagung 2020 erfordert mancherlei Kommentar und Ergänzung. Auch in Übereinstimmung mit nicht wenigen Mitpilgern aus unserer Generation der letzten 30-40 Jahre zum Reich Gottes ist dies unerläßlich. Bisherige Erfahrungen und Gemeinschaftserleben in unserer EA dürfen auch für unsere Zeit heute nicht in Vergessenheit geraten! Übrigens finden die wesentlichsten hier aufgeführten Argumentationen ihren Niederschlag in allein acht EA-Publikationen seit 1.2.2000 ...

1. Daß „auch die Wissenschaften … letztlich von nicht weiter herleitbaren Voraussetzungen und Axiomen“ leben, kann zumindest aus meiner medizinischen und naturwissenschaftlichen Sicht nicht akzeptiert werden! Selbstverständlich können überzeugende und seriöse wissenschaftliche Erkenntnisse mit zeitentsprechender Sicherheit als „bewiesen“ angesehen werden. Entwicklungsbedingt stellen sie nie eine letztgültige „ewig“ Tatsache dar! Gewissheit und Glauben begegnen sich nach meiner Vorstellung auf völlig verschiedenen Ebenen und können sich trotzdem gegenseitig ergänzen!

2. Die Frage „Glauben Christen und Muslime an denselben Gott?“ hat sich uns (IGF Stuttgart, ehemals WCRP) in über 20jährigem intensivstem interreligiösem Dialog und Zusammenarbeit nie gestellt. Sie ist eine typisch christlich-apologetische und rein theoretische Fragestellung. Sie führt zu keinerlei Menschlichkeit und biblischer Göttlichkeit. In unserem ganzen Leben stehen wir vor dem Einen und Einzigen Gott und erlauben uns kein dogmatisch fixiertes menschlich gedachtes Gottesbild (1 Kor 15, 28). Denn wir sehen das Heilige (R. Otto 1917) nur durch einen Spiegel im irdischen Gewand (1 Kor 13, 9 und 12).

3. Die pauschale Behauptung, „Allah ist barmherzig mit den Menschen, freilich unter der Voraussetzung, daß sie umkehren und Muslime werden“, ist nur eine Feststellung für einen Teil der Muslime (www.acommondwort.com 2007; Sure 2,62; 2,256; 29,46). Im übrigen entspricht sie auch nur der fragwürdigen christlichen Vorstellung “Wer aber nicht [getauft] glaubt, wird verdammt werden“ (Mk 16,16b). Als ob wir Gott etwas vorschreiben können und dürfen!

4. Daß noch immer „wegen des unterschiedlichen Offenbarungsverständnisses … ein gemeinsames interreligiöses Gebet nicht möglich“ sein soll, dachte ich, hätten wir durch die wertvolle Praxis an vielen Orten seit Jahren überwunden. Mit z.B. R. Guardini (1920/1963) haben wir es gerne gehalten, daß „Kirche … betet für alle und mit allen.“ Denn „Gott, der Gott aller: das gemeinsame Gebet“! Auch mit D. Bonhoeffer (1937) und J. Zink (2008) haben wir in unserer Zeit diesen Segen erfahren. So konnten wir auf dem Weg zu einer Ökumene der Weltreligionen (BoD 2007) über 12 gesegnete Religionsverbindende Friedensgebete mit Vertretern praktisch aller Weltreligionen dankbar sein. Allein 1999 nahmen auf dem DEKT in Stuttgart 1.000 Kirchentagsbesucher teil. Bis 2015 waren es übrigens 17 gemeinsame interreligiöse Friedensgebete!

5. Was ist das für eine merkwürdige Darstellung, wenn einmal argumentiert wird, daß „wegen des unterschiedlichen  Offenbarungsverständnisses (in der Thora, im Koran, in Jesus Christus)“ sei ein gemeinsames Gebet nicht möglich, und dann wiedersprüchlich ausgeführt wird, daß „das Verhältnis von uns Christen zur jüdischen Tradition und zur hebräischen Bibel bleibt gleichwohl ein besonderes“, also mit oder ohne gemeinsames Gebet!?.

6. Im „Umgang der Religionen untereinander“ wurden drei bekannte Modelle diskutiert. Ich hätte gerne das Bekenntnis gehört und gelesen, daß man heute die (1.) exklusivistische Position (nur „wir haben recht“) nur ablehnen kann. Mehr denn je ist heute gefragt, die (2.) relativistische Position („Alle Religionen können nur einen Teil der Wahrheit entdecken“) und der (3.) positionelle Pluralismus – als dritter Weg („Zur eigenen Überzeugung stehen und fremde Überzeugungen achten“) interreligiös zu vertreten und zu leben, statt „die Stärken der beiden ersten Positionen zu verbinden“.

Literatur gern beim Verfasser

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