Religiöse Sprachlehre -Theorie und Praxis

Administrator (admin) on 01.09.2012

Hubertus Halbfas

Die religiöse Sprache ist weitgehend verflacht. In dieser Situation, in der es fast überall an der Kompetenz mangelt, die christliche Tradition in den Fluss der Zeit zu bringen, ist vor allem eine religiöse Sprachlehre notwendig. Hubertus Halbfas deckt einmal mehr ein drängendes Desiderat auf. Als praktischer Theologe hat er sich ein Leben lang damit befasst, wie alte religiöse Traditionen heute zur Sprache kommen können.

Sind die biblischen Überlieferungen wahr? Welchen Wahrheitsanspruch können Mythen, Sagen und Legenden beanspruchen? Die Antwort hängt davon ab, was unter „wahr“ verstanden wird. Dies zu klären, ist das Anliegen von Hubertus Halbfas. Für den Religionspädagogen können die biblischen Texte, kann Religion nur dann verstanden werden, wenn bedacht wird, „wie vielfältig Zeiten und Menschen ihre Erfahrungen in unterschiedlichen Sprachformen verarbeiten und weitergeben“.

In der Mitte des Bandes steht die Frage nach der „Wahrheit der Formen“ von Mythos, Märchen, Sage, Legende, Gleichnis und Paradoxon, die Halbfas in ihrer „gattungsspezifischen Gültigkeit“, also in ihrem symbolischen und metaphorischen Sinn erfassen und darstellen will. Verschiedene Sprachformen von Altem Testament (unter anderem Mythen, Sagen, Legenden, Prophetensprüche) und Neuem Testament (Briefe, Gleichnisse, Wundererzählungen) werden vorgestellt und einzelne biblische Texte als Beispiele auslegt. Dabei sucht der Autor Ergebnisse der historisch-kritischen und religionsgeschichtlichen Forschung sowie Tiefenpsychologie miteinander zu verbinden.

Die Grenze des Ansatzes von Halbfas liegt darin, dass er seinen Zugang zum Verstehensschlüssel macht. Das religiöse Leben erscheint da mehr als Konstrukt mythologischen Denkens und Redens denn als Glaubenszeugnis, das aus der Reflexion einer geschichtlichen Erfahrung erwachsen ist. Nicht nur für Religionslehrer lohnt die Auseinandersetzung.

Matthias Mühl schrieb diese Rezension bei „Christ in der Gegenwart“


Metaphorische und symbolische Sprachformen, Mythen, Sagen und Legenden, im Ganzen oder in Elementen, dies ist die Welt der religiösen Sprache, für die es zur Erschließung in der Gegenwart nicht genügt, alte Texte nur zu repetieren, sondern für die „neue Fäden“ in die Gegenwart hinein geknüpft werden sollen und müssen, um ihren Erlebnisinhalt und ihre „eigentliche Botschaft“ zum schwingen und sprechen zu bringen.

Diese Transformation der Texte und damit die Aktualisierung ihres Bedeutungsinhaltes ist quasi das Lebenswerk von Hubertus Halbfas. So, wie man auch diesem neuen Werk sein Brennen für sein Thema abspürt und daher auch nachsichtig mit manchen harschen Urteilen über moderne Umgangsformen mit den tradierten Texten sein sollte. Denn in seiner Analyse trifft Halbfas ja durchaus wunde Punkte. Aufgrund der „mangelnden“ Vorbereitung durch Kirche und Schule erschließen sich die auf den ersten Blick rätselhaften Texte nicht auf Anhieb und werden so oft und oft einfach als unverständlich beiseitegeschoben.
„So bleibt es bei einer Lehre, welche die meisten Zeitgenossen verfehlt und ratlos macht“.

Umgekehrt kann man daraus schleißen, das Halbfas eigentliches Anliegen jenes ist, die „Fachwelt in Kirche und Theologie“ auf ihre „eigentliche“ Aufgabe hin zu mahnen und darin nicht müde zu werden: „Übersetzer“ der tradierten Sprachformen im besten Sinne zu sein und damit die Überlieferung „in den Sprachformen“ lebendig zu gestalten. Eine Mahnung, der es Halbfas nicht an sprachlicher und emotionaler Deutlichkeit fehlen lässt.

Das „Handwerkszeug“ für diese „Übersetzungsaufgabe“ gibt der Religionspädagoge Halbfas im Buch reichhaltig, ausführlich und fundiert mit an die Hand. Wobei er betont, dass die gängige didaktische „Konzeption der Korrelationslehre“ zu vernachlässigen ist, so es denn gelingt, sich in den Sprachformen „an sich“ zurechtzufinden und eben jene „neuen Fäden“ in die Gegenwart hinein zu knüpfen.

Religiöser Analphabetismus lässt sich in den Augen des Verfassers eben nur „durch Sprach- und Urteilskompetenz“ überwinden. Um für diese Kompetenzen die Grundlagen zu legen, bietet Halbfas eine systematisch strukturierte und im Stil verständliche Sprachlehre, innerhalb derer er nicht nur auf tradierte biblische Sprachgattungen zurückgreift, sondern ebenfalls dogmatische Texte und Traditionen sprachlich zugänglich und übersetzbar gestaltet.

Dabei gilt, dass in vielen Bereichen Schüler und Gesellschaft als „nachchristlich“ anzusehen sind, aber eben nur eine sprachliche Kompetenz auch mit den religiösen Traditionen echte Verständigungsmöglichkeiten eröffnen, die den Kern der jeweiligen Sache treffen. Auf diesem Hintergrund erst sind seine Ausführungen im 2. Teil des Buches recht zu verstehen, die er mit „Die Wahrheit der Formen“ betitelt.

Sehr zu empfehlen im Buch ist hier vor allem die „neue“ Aufschlüsselung des „dogmatischen“ apostolischen Glaubensbekenntnisses, welches Halbfas in hohem Maße metaphorisch und nicht geschichtlich versteht und auslegt. Ein konkretes und anschauliches Beispiel dessen, was er grundsätzlich meint und mit seiner Sprachlehre erreichen möchte.

Alles in allem legt Halbfas im Buch eine Form der Essenz seines wissenschaftlichen Forschens, das in Stil und Form überzeugend dargestellt wird und tradierte Sprachformen in ihrer Eigenart und historischen Bezogenheit ebenso darlegt, wie es Übersetzungshilfen für die Gegenwart zu geben vermag. Für das religionspädagogische Arbeiten ist das Buch ebenso geeignet, wie für den interessierten Laien, um die alten Texte in ihrer gemeinten Botschaft für die Gegenwart verstehen zu lernen.

M. Lehmann-Pape schrieb dieses Rezension bei Amazon

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