Die Gesellschaft für eine Glaubensreform bespricht Bücher und andere Schriften, die in das thematische Feld einer Glaubensreform fallen. Unaufgefordert zugesandte Bücher oder Schriften besprechen wir nach eigener Auswahl, nicht besprochene Bücher werden nicht zurückgeschickt.
Die Reihenfolge der veröffentlichten Besprechungen wird durch das Datum bestimmt, an dem sie hier eingestellt worden sind. Die GfGR freut sich über Anregungen zu dieser Rubrik.


 

Marion Küstenmacher: Integrales Christentum. Eine Einübung in eine neue spirituelle Intelligenz

Administrator (admin) on 25.07.2019

von Klaus-Peter Jörns

Gerne bin ich dem Wunsch von Marion Küstenmacher nachgekommen, ihr 2018 erschienenes Buch „Integrales Christentum“ in unserer Homepage vorzustellen. Unsere Mitglieder werden sich daran erinnern, dass wir Frau Küstenmacher schon einmal bei uns als Referentin hatten.

Marion Küstenmacher, Integrales Christentum. Eine Einübung in eine neue spirituelle Intelligenz. 448 S., Paperback flexibler Einband, mit Grafiken und Illustrationen von Werner Tiki Küstenmacher, Gütersloher Verlagshaus 2018, 24 €.

Das Buch knüpft an das bereits 2010 im selben Verlag erschienene Buch von Marion Küstenmacher, Tilmann Haberer und Werner Tiki Küstenmacher an: Gott 9.0. Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird. Mit einem Vorwort von Richard Rohr. 2010 hatten die drei Autoren – wie der Untertitel sagt – „unsere Gesellschaft“ als Zielgröße vor Augen, die durch die in diesem Buch empfohlenen Wege einzelner Menschen und Gruppen erreicht und in gewisser Weise von lebensfeindlichen Steuerungsmechanismen erlöst werden sollte. Richard Rohr schrieb dazu in seinem Vorwort an die Leser*innen (S. 11): „Marion, Tiki und Tilmann werden Ihnen in einer neuartigen und frischen Weise zeigen, wie wir wachsen: in Richtung Mitgefühl, Inklusivität, Weisheit, Geduld, Nondualität. Wir werden immer weniger Antworten brauchen und immer weniger Kontrollen. So entfaltet sich die Seele stufenweise auf ihrem Weg. So werden wir erwachsener. So werden wir eine Gesellschaft nicht nur der Älteren, sondern derer, die Weisheit und Orientierung haben für die nächste Generation. Solche im besten Sinn ‚Ältesten‘ haben wir bitter nötig.“ Das Buch setzte also auf eine unmittelbare Kommunikation zwischen den Generationen, in denen die im Wilber‘schen Sinn erwachsen gewordenen Einzelnen durch ihren Umgang mit anderen selbst eine neue Menschlichkeit „verkünden“ und darin Jesus folgen.
Auch im neuen Buch wird diese Art von unmittelbarer, personaler Kommunikation als der Weg, der zu der angestrebten Transformation nicht nur einzelner besonderer Menschen, sondern von ganzen Gesellschaften und einem evolutionär veränderten Christentum führen soll, gesehen. Und es wird davon ausgegangen, dass die großen Religionen noch vorhanden und zur Transformation fähig sind. Und wieder spielen dabei Erfahrungen eine große Rolle, die die Autorin selbst in ihrer Familie gemacht hat - zum Beispiel und programmatisch gleich S. 15f.. Auch an anderen Stellen werden beispielhafte Szenen aus dem Familienleben eingeblendet. Dabei geht es um die spezifische
personengebundene Struktur der Kommunikation. Und die ist es, die im Grunde auch schon Regie führt in ebenfalls gerne zitierten Szenen aus den Überlieferungen der Wüstenväter und ihrer Gespräche mit Menschen, die bei ihnen Rat und Hilfe suchten. Erklärtes Ziel des Buches ist es, dass diese Art von Kommunikation schrittweise Menschen prägt, die sich von einer „spirituellen Intelligenz“ leiten lassen und höhere Bewusstseinszustände erreicht haben. Als Ausgangspunkt und Motor soll dabei das neue „integrale Christentum“ dienen, das sich als dann letzte Stufe in der Christentumsgeschichte entwickelt und sowohl interkonfessionell als auch interreligiös existiert.
Wer als integrativem Denken zugewandter Leser heute an so exponierter Stelle das Wort „Intelligenz“ findet, eingebunden in das Versprechen, eine „neue spirituelle Intelligenz“ vorstellen und verbreiten zu wollen, erkennt im Hintergrund Ken Wilbers Schrift „Integrale Spiritualität“, die 2006 auf Amerikanisch und seit 2007 auf Deutsch in mehreren Auflagen erschienen ist. Sie trug schon den Untertitel „Spirituelle Intelligenz rettet die Welt“, hat also bereits eine Art kosmischen Horizont und nicht nur die Transformation „sichtbarer Religionen“ im Blick gehabt. Heute gerät das Stichwort einer solchen Intelligenz automatisch in Konkurrenz zu den neuen, ganz anders gelagerten Versprechen, die sich mit der Entwicklung und Propagierung der „künstlichen Intelligenz“ verbinden. Auch auf sie werden große, ja, größte Hoffnungen gesetzt. Es ist sicher nicht zu viel gesagt, wenn man in der spirituellen Intelligenz ein Gegengewicht zu jener anderen Intelligenz sieht; denn die künstliche Intelligenz kommt ohne ein Selbstbewusstsein – und gar ohne ein reflektiertes Bewusstsein seiner selbst inklusive seiner „Schatten“ – aus, kann also nicht teilhaben an einem stufenweisen inneren Wachstum. Sie verfestigt vielmehr Bewusstseinszustände und Problemlösungsstrategien, die ihre Programmierer zum Zeitpunkt hatten, an dem die Programme und Maschinen entwickelt wurden.
In den acht Jahren, die zwischen den beiden Büchern von Marion Küstenmacher (und ihren Mitautoren) liegen, haben sich viele Wünsche „nach Vertiefung und praktischen Übungen“ geregt, „mit deren Hilfe man sich die Inhalte von „Gott 9.0“ besser verständlich zu machen hoffte (S. 14) – zumal es nicht gerade leicht fällt, die Wilber’schen Bewusstseinszustände und deren Nummerierung mit der speziellen Farbenlehre sich präsent zu halten. Diese Wünsche will das neue Buch erfüllen. Es fügt an jedes der großen und viele der kleineren Kapitel Abschnitte „Zum Üben und Vertiefen“ an. Und hier kommt das Besondere dieses Buches zum Vorschein: Wer sich durch diese Abschnitte – allein oder zusammen mit anderen in (kleinen) Gruppen – hindurcharbeitet, kann mit Hilfe der vielen Anleitungen einen Wachstumsprozess durchmachen, der ihn / sie verstehen lässt, worin sich eine spirituelle Intelligenz von einer rein instrumentellen Intelligenz unterscheidet. Bewundernswert ist, welche Fülle von Bezügen die Autorin zur Weisheitsliteratur im umfassenden Sinn, also einschließlich der Märchen, und zum literarische Erbe des religiösen Gedächtnisses der Menschheit herstellt. Darin kommen dann auch die sich über die Jahrtausende hin als „Updates“ ablösenden Gottesbilder der Religionen – einschließlich der biblischen – zur Sprache. In ganz besonderer Eindringlichkeit erschließt Marion Küstenmacher für mich die Jesus-Überlieferung, indem sie ihn als den „inwendigen Lehrer“ – um mit Eugen Bisers Buch von 2002 zu reden – bei unserem stufenweisen Werden hinein in die Einheit mit dem großen Ganzen („Holon“) der unbedingten Liebe Gottes bewusst macht.
Am Ende bleibt eine Frage, die sich auf die angesprochenen großen Horizonte „Gesellschaft“, ja, „Welt“ bezieht: Wenn es denn so ist, dass das innere Wachstum hin zu den höheren Bewusstseinszuständen und hinein in die integral-spirituelle Intelligenz an den Weg über einzelne Personen und deren Wachstum gebunden ist, wie können wir dann Hoffnung haben darauf, dass die Liebe und der Geist Jesu „alle Menschen und Lebewesen auf allen Stufen (scil. der Bewusstseinszustände) so … umarmen, dass sich die göttliche Liebe auf Erden als
Kommunion aller mit allen realisieren kann“? Die Autorin gibt in Anlehnung an Alfred N. Whitehead die Antwort, dass Gott selbst dabei am Werk ist, „ als >sanfte Überredung zur Liebe, die in allem wirkt< und den ganzen Kosmos als Superholon durchdringt“ (S. 24). Dass dem so sein wird, ist in den Grenzen von Zeit und Geschichte aber für mich nicht denkbar. Mit anderen Worten: An diesem Punkt stoßen wir an die Grenze, die nur von einer dazu passenden neuen Eschatologie („Lehre von den letzten Dingen“) geöffnet werden kann. Nur sie könnte vom „ganzen Kosmos“, der mehr als die Erde umfasst, und davon reden, dass alle mit allen kommunizieren können – also auch die in Hunger und Elend und ohne Zukunftshoffnung Gestorbenen.

 

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