Kann die Liebe Sünde sein? David und Bathseba

Administrator (admin) on 19.07.2019

Dr. Gerhart Herold

Predigt zu 2.Samuel 11-12 am 3. Sonntag nach Trinitatis 07.07.2019, Sauerlach
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„Ubi caritas et amor deus ibi est“ - Wo die Liebe ist, da ist auch Gott“ - so haben wir gerade gesungen. Ist das nicht erstaunlich: Auch im ‚amor‘ finden wir Gott, nicht nur in der ‚caritas‘. Die deutsche Sprache sagt zu all dem einfach nur ‚Liebe‘. Sie müht sich nicht um Differenzierung.

Ich denke, das ist wohl richtig: Es gibt nur eine Liebe. Was ist die Liebe? Ich sehe sie wie die unaufhörliche Suche nach einer guten, wohltuenden Beziehung - und das nicht nur zwischen Menschen, sondern auch in der Natur, in allem was lebt. Vielleicht sagt deshalb das Neue Testament ohne Umschweife: „Gott ist die Liebe“ (1Joh 4,16). Die Philosophie ist davon überzeugt, Gott sei nichts anderes als die unendliche Energie der Beziehung.

„Kann die Liebe Sünde sein?“ Nein, das kann sie nicht, wenn sogar Gott selbst die Liebe ist. Sara Leander singt weiter: „Darf es niemand wissen, wenn man sich küsst, wenn man einmal alles vergisst vor Glück? Kann das wirklich Sünde sein, wenn man immerzu an einen nur denkt, wenn man einmal alles ihm schenkt vor Glück?“ Aber so einfach ist es doch nicht. Darüber muss man reden. Ich erzähle deshalb nun erst einmal, wie es mit David und Bathseba weiterging (zuvor gelesen 2. Sam. 11,1-5).

Bathseba ist schwanger. David will das geheim halten und schmiedet einen scheinbar perfekten Plan: Er gewährt Bathsebas Mann, dem General Uria, Heimaturlaub und lädt ihn an den Hof zu einem Bankett. Als dieser halbtrunken ist, empfiehlt er ihm: „Geh hinab in dein Haus und wasch deine Füße“ - eine zarte Anspielung darauf, dass er sich zu Bathseba legen und so dem König aus der Klemme helfen sollte. Ein Diener des Königs soll dafür sorgen, dass Uria wirklich zu Hause ankommt.

Doch Uria biegt ab und geht zu seinen Soldaten in die Kaserne. Er ahnt wohl hinter den Freundlichkeiten des Königs die Berechnung. Doch das ist sein Todesurteil; denn damit fordert er den König zum Äußersten heraus. David schreibt dem kommandierenden General, er solle den Uria verschwinden lassen. Uria wird einem Himmelfahrtskommando zugeteilt. Staatsbegräbnis, Totenklage und Ehrenwache für Uria schließen die Tragödie ab. Damit ist der Weg frei: David kann Bathseba offiziell an den Hof nehmen.

Kann die Liebe Sünde sein? Jetzt heißt die Antwort: Ja, diese Liebe war Sünde. Doch die Bibel wehrt sich selbst gegen so eine allzu einfache Lösung. Einige Jahrhunderte nach diesen Geschichten an Davids Königshof schreibt Matthäus sein Evangelium und beginnt mit einem Stammbaum Jesu: Eigentlich findet man in solchen Dokumenten nur Männer. Doch Matthäus nennt dort Bathseba und mit ihr drei weitere Frauen aus der weit zurückreichenden Geschichte Israels: Tamar, Rahab und Ruth. Ich sehe sie näher an. Dann verstehen wir Bathseba vielleicht besser:

Tamar geschieht das größte Unglück, das damals einer Frau passieren konnte: Sie bleibt kinderlos. Deshalb soll sie zurück zu ihren Eltern. Das lässt sie sich aber nicht gefallen und verführt erfolgreich ihren Schwiegervater.

Rahab lebt in Jericho und ist beruflich eine Hure. Die Israeliten nähern sich der Stadt und wollen sie erobern. Spione besuchen Rahab und bekommen wichtige Informationen. Rahab fordert dafür die Rettung ihrer Familie.

Ruth lebt kinderlos und verwitwet im Ausland. Sie kehrt zurück nach Bethlehem und hilft bei der Ernte. Eines Abends legt sie sich zum Bauern Boas unter seine Decke. In dieser Nacht wird der Großvater Davids gezeugt.

Ich frage: Wie sieht Bathseba aus im Kreise dieser Frauen? Alle sind sie charakterstark und voller Lebenskraft. Keine hat Angst vor der Liebe. Jede kämpft mit den Waffen einer Frau. Keine orientiert sich allzu sehr an der Moral. Könnte es sein, dass auch Bathseba ihr Leben in die Hand nimmt und das sogar im Rahmen einer Ehe? War sie nicht die harmlose Naive, wie sie immer geschildert wird? Hat sie es darauf angelegt, den König zu verführen?

Schnell zieht uns diese Geschichte hinüber in die Konflikte und auf die Schattenseiten der Liebe: Bathsebas Mann wird ermordet. Wie das geschah, wird sie niemals erfahren,. David muss das für sich behalten. Die Position der Macht verurteilt ihn zum Schweigen. Er bleibt eingeschlossen in seine Schuld. Niemand kann ihn erlösen aus dieser Einsamkeit.

Ich zitiere dazu zwei Psalmen, die ihm zugeschrieben werden:

„Errette mich, HERR, aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke, dass ich errettet werde aus den tiefen Wassern“ (69,15).

„Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen; denn ich bin ein Fremdling wie alle meine Väter“ (39.13).

Ob diese Gebete wirklich von David stammen, muss offen bleiben. Aber das Bild, das sie von ihm zeichnen, stimmt: Die Liebe ist kein leichtsinniges Spiel. Sie verlangt den höchsten Einsatz, das eigene Schicksal. Sie ist wie ein Überlebensspiel.

Es ist wohl so: Wenn Gott selbst die Liebe ist, dann geht es immer um mehr als den Leichtsinn, aber auch um mehr als nur Moral. Dann geht auch die billige Rechnung nicht auf: „Bloß wegen dem“ oder „Die ist schuld“. Immer führt die Liebe in das unabwendbare Kraftfeld einer Beziehung. Deshalb kann man fragen: War es Bathseba vielleicht selbst, die mit ihrer Schwangerschaft den König zum Gattenmord treiben wollte? Ist es möglich, dass beide schon wortlos wussten, was hier zu tun war?

Beide geraten schnell in die Krise und auf die Schattenseite, wie sie zur Liebe gehört: Ihr Kind wird krank und droht zu sterben. David fastet und betet und fleht um das Leben des Kindes - doch vergebens. Wie ein Gottesurteil erleben die beiden den Tod ihres Kindes. Die Moral würde sagen: Nun habt ihr euch unverzüglich zu trennen. So geht das nicht weiter. Nur durch den Verzicht aufeinander könnt ihr das Verbrechen sühnen.

Doch an dieser Stelle passiert etwas Entscheidendes: Unmittelbar nach dem Tod des Kindes beendet David die Zeit der Buße. Er wäscht sich und isst und kehrt zu Bathseba zurück. Ich finde ihn wieder in einem Psalm: „HERR, du hast meine Seele aus der Hölle geführt; du hast mich lebend erhalten“ (30,3). Bathseba wird übers Jahr erneut einen Sohn gebären, und David wird ihn ‚Salomo‘ nennen, zu Deutsch „Frieden mit Gott“.

Was lässt sich lernen von David und Bathseba? Im Labyrinth des Lebens muss die Überzeugung reifen: Menschen dürfen leben trotz ihrer Schuld. Das Leben bricht sich seine Bahn, auch gegen lebenslähmende Schuldgefühle. Klar, die Moral steht daneben und hebt den Finger, dazu ist sie da. Aber es gibt kein besseres Mittel zur Wiedergutmachung, als so intensiv zu leben wie möglich. Neben den Mut zum wahrhaften, ehrlichen Leben gehört freilich ein Quantum Reue. Nicht als ließe sich alles rückgängig machen. Das geht ja gar nicht. Aber bereuen meint: Etwas tut mir leid, macht mir Leid. Ich muss seelischen Schmerz tragen können mitten im Glück. Nur so lässt sich das Böse überwinden durch das Gute, die Zerstörung überwinden durch die Liebe, den Tod durch das Leben.

Zurück zu Matthäus und seinem Stammbaum: Meint er, man kann die Gene Bathsebas bei Jesus wiederfinden? Der Evangelist hatte bei Jesus gelernt, dass es dem Menschen offen stehen muss, zu leben mit all seinen Kräften. Es führt kein Weg daran vorbei, den Menschen, so wie er ist, zu lieben mit Geduld und Güte.

Margot Käßmann hat schon vielen Menschen geholfen mit ihrem Satz: „Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“. Ich füge hinzu: Das ist die Hand der Liebe.

                                                                                                                   Amen

Dr. theol. Gerhart Herold

 

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