Heilwerden und frei

Administrator (admin) on 08.02.2013

Doris Strahm

Wenn feministische Theologinnen über Erlösung nachdenken, dann setzen sie nicht wie die traditionelle Erlösungslehre beim Kreuzestod Jesu an, sondern bei der Botschaft und der Praxis des biblischen Jesus. Im Zentrum seiner Verkündigung und seines Handelns stand das Reich Gottes. Dieses wurde gegenwärtig und erfahrbar in seinen Heilungen, die Frauen und Männer aufrichteten zu einem neuen Leben, und in seiner Tischgemeinschaft mit allen Menschen, besonders aber mit jenen, die ausgegrenzt waren oder am Rande der Gesellschaft standen. Erlösung aus der Sünde erfahren Menschen da, wo sie sich dem Gottesreich, der heilvollen Nähe Gottes, öffnen und aus dem göttlichen Geist der Liebe handeln. ...

Erlösung, Heil wird in den Evangelien als Heilwerden beschrieben. Das Reich Gottes, das Jesus verkündet und in seinem Handeln erfahrbar macht, bedeutet Heilsein – physisch, psychisch und sozial. Diese umfassende Praxis des Heilens – kranke, gedemütigte, ausgegrenzte Menschen stehen auf zu neuem Leben – galt auch den von patriarchalen Strukturen verletzten Frauen, wie die Frauenheilungsgeschichten der Bibel zeigen. Befreiung umfasst hier nicht nur Befreitwerden aus gesellschaftlichen Zwängen, sondern auch die Bejahung des weiblichen Körpers als guter Schöpfung Gottes. Der Frauenkörper ist nicht Ort der Sünde, wie die christliche Theologie jahrhundertelang verkündet hat, sondern ebenso wie der Körper des Mannes Ort der göttlichen Wirkkraft und des Heilsgeschehens.

Rechtfertigung meint für Frauen: Ermöglichung der Selbstannahme und Selbstliebe durch den Glauben an das bedingungslose Angenommensein als Tochter Gottes. Die Heilung und Heiligung des als sündig dämonisierten und verletzten Körpers von Frauen gehört für feministische Theologinnen ins Zentrum der befreienden Botschaft vom Reich Gottes. Gleichzeitig wird die Gewalt an Frauen, die Verletzung ihrer körperlichen und seelischen Integrität, die weltweit zur Alltagsrealität von Frauen gehört, als Sünde kritisiert.

Feministische Theologinnen verstehen Erlösung als einen geschichtlichen Prozess der Befreiung von sozialen Strukturen der Unterdrückung und Gewalt, die Menschen, Frauen und Männer, in ihrem Menschsein verletzen oder ein Leben in Würde verhindern – als einen Prozess des Befreitwerdens, der nicht unabhängig von uns stattfindet, sondern an dem wir als PartnerInnen Gottes mitwirken. Heil wird schon hier und jetzt erfahrbar in den kostbaren Momenten von erfülltem Leben, in jenen Augenblicken, wo inmitten der Ambivalenz und Unerlöstheit unseres Lebens etwas von erlösender Liebe und Gerechtigkeit gelebt wird.

(8.3.2013, Doris Strahm)


Literatur zum Thema

Evangelische Theologie 5(2000): Rechtfertigung – feministisch.
Elisabeth Moltmann-Wendel, Wenn Gott und Körper sich begegnen. Feministische Perspektiven zur Leiblichkeit, Gütersloh 1989.
Elisabeth Moltmann-Wendel / Renate Kirchhoff, Christologie im Lebensbezug, Göttingen 2005.
Doris Strahm / Regula Strobel (Hg.), Vom Verlangen nach Heilwerden. Christologie in feministisch-theologischer Sicht, Luzern 1991.

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