Glaubensverlust - Warum sich das Christentum neu erfinden muss

Administrator (admin) on 07.09.2011

Hubertus Halbfas

Memoranden und Missbrauchsfälle, Problemstau und Priestermangel, Zank um den Zölibat und die Zukunft - mit unbestechlicher Klarheit durchleuchtet Halbfas die strukturellen Reformerfordernisse und geht ihnen buchstäblich auf den Grund: Die Krise der Kirche(n) ist eine handfeste Glaubenskrise. Die Glaubenslehre ist vielfach zur Glaubensleere verkommen.

Wer hat mit diesen wenigen Sätzen die heutige Sackgasse des christlichen Glaubens markiert: »Selbstgemachter und so schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand, die Unabänderlichkeit des Glaubens zu schützen, nur die eigene Gestrigkeit verteidigt wird«? Es war der Theologieprofessor Joseph Ratzinger, jetzt Papst Benedikt XVI., der heute alles unternimmt, um den von ihm kritisierten Skandal selbst zu verfestigen.

Das Zitat stellt Hubertus Halbfas seinem neuen Buch »Glaubensverlust« voran und bringt damit die aktuelle Krankheit des Kirchenchristentums auf den Punkt. Halbfas hat sich vor allem um eine moderne (katholische) Religionspädagogik und mit drei umfassenden Büchern über Christentum, Glaube und Bibel um eine wahrhaftige Sicht des Christentums verdient gemacht. Er legt nun ein fulminantes Buch vor.

Mit analytischem Blick und prophetisch-kritischer Perspektive plädiert er für nichts Geringeres als eine Renaissance des Christentums im ursprünglichen Sinn des Wortes. Er deckt treff? sicher auf, warum die Glaubenssprache den heutigen Menschen weithin unverständlich ist. Und wie sie diejenigen, die sie zu verstehen glauben, in die Irre führt. Angelpunkt der Misere des Christentums sei die fast völlige Verdrängung des Lebens und des konkreten Beispiels Jesu durch die von Paulus in Gang gesetzte Theologie.

Sie mache anstelle des von Jesus verkündeten Anbruchs des Reiches Gottes, das sich im menschlichen Handeln widerspiegeln kann und soll, Jesus selbst als Christus zum Dogma und so zum eigentlichen Inhalt des Glaubens. Zwischen dem verkündenden und dem verkündeten Jesus klaffe so ein garstiger Graben, »ein Loch«, wie Halbfas schreibt, das sich seitdem in der offiziellen Glaubens- und Kirchengeschichte durchgesetzt habe. Es führe zu einer Betonung von Bevormundung, Herrschaft und reiner Lehre anstelle einer guten Praxis.

Das Dogma gegen Kritik und Veränderung immun und damit zur selbst gedeuteten Legitimation kirchlicher Herrschaft zu machen sei das hauptsächliche Bestreben des Lehramtes, das in dauernder Selbsterhöhung dazu auffordere, das Reich Gottes mit der Kirche, den Glauben mit Gehorsam und Liebe mit Fügbarkeit zu verwechseln. So werde aus dem Glauben Ideologie. Das Leben Jesu sei nicht mehr Vorbild und Maßstab christlichen Lebens, sondern die Deutung durch das Lehramt.

Dabei spart Halbfas auch die evangelische Kirche nicht aus, die es in 500 Jahren nicht geschafft habe, eine andere Kirche, eine nicht pastorenfixierte Gemeindeordnung oder eine exegetisch wahrhaftigere Theologie zu verbreiten. Jesu alle Trennungen unter den Menschen missachtende Wander- und Mahlgemeinschaften und sein Umgang mit Menschen im Licht eines liebenden Gottes weisen laut Halbfas darauf hin, wie sehr die Christologie im Kern eine Lehre vom Menschen sein muss. Der Religionspädagoge benennt schließlich die Grenzen der Theologie angesichts der Erkenntnisse der Naturwissenschaften und fordert hier von den Kirchenmenschen einen wahrhaftigen Umgang mit diesen Erkenntnissen. Am Ende versucht Halbfas »Wege aus der Sackgasse« zu weisen, die vielversprechend sind und in eine neue Art von Christentum und christlicher Gemeinde führen. Ein tolles Buch!

Dieses Buch ist Buch des Monats in Publik-Forum 16/2011. Norbert Copray rezensierte es.

Taschenbuch: 128 Seiten

Verlag: Patmos Verlag; Auflage: 1 (7. September 2011)
ISBN-10: 3843601003
ISBN-13: 978-3843601009

Back