Fürbitten jenseits theistischer Gottesbilder

Administrator (admin) on 30.05.2015

von Dr. Alois Odermatt

An der Jahrestagung 2015 der Gesellschaft für eine Glaubensreform (GfGR) legte ich einen Erfahrungsbericht zum „Beten in nach-theistischer Zeit“ vor. Behandelt wurde die Frage am Beispiel des Allgemeinen Gebetes oder Gebetes der Gläubigen der katholischen Liturgie, „Fürbitten“ genannt. Der evangelische Gottesdienst kennt ähnliches: das Allgemeine Kirchengebet, ebenfalls „Fürbittengebet“ genannt.

Der Bericht umfasste drei Teile:

  • Blick auf herkömmliche theistische Fürbitten
  • Prominente kritische Stimmen und entsprechende Grundsätze für nach-theistische Fürbitten
  • Vorschläge für post-theistische Fürbitten

Zur Veranschaulichung dienten vier Fürbitten-Vorlagen aus der Praxis:

  • Fürbitten zum Thema Gewalt (2005)
  • Fürbitten um Kirchenreform (2011)
  • Fürbitten an einer Trauerfeier (Januar 2014)
  • Fürbitten an der Feier einer Diamantenen Hochzeit (November 2014)

Gewünscht wurden nun weitere Vorlagen aus der Praxis oder für die Praxis. Dies kann dann und wann, je nach Gegebenheiten, auf der GfGR-Homepage erfolgen.

Die erwähnten „kritischen Stimmen“ führen zu Grundsätzen für nach-theistische Fürbitten:

  • Paul Tillich (1886-1965): Anstelle der Gottessymbole Höhe und Himmel neu: Symbole Tiefe und Grund. „Wer um die Tiefe weiss, weiss auch um Gott“. Und: „Übersetzt das Wort Gott.“
  • Hans Jonas (1903-1993): Gott kann gar nicht eingreifen. Aber wir erfahren leidende und schweigende, werdende, sich sorgende Tiefe. In ihr vernehmen wir ein „eindringlich stummes Werben“.
  • Maurice Zundel (1897-1975): Allmächtige Gottheit ist nicht denkbar. Sie ist „schöpferische Leere“, „rufende Leere“, „der schweigende Raum, in dem unsere Freiheit zu sich selber kommt“. Gott erhört
    nicht. „Er bittet uns, ihn zu erhören und auf sein Rufen einzugehen.“ Das Wort Gott meiden.
  • Hubertus Halbfas: Den Schöpfungs-Gott gibt es nicht, darf es gar nicht geben. Die Gottesdienste der Zukunft werden mehr Schweigen und eine andere Sprache haben. „Anhalten der Welt“.
  • Klaus-Peter Jörns: Beten hat mit Denken zu tun: „Konzentration auf die geistigen Kräfte in uns“; wirkt im Rahmen der „fortdauernden Evolution“ mit ihren vielfältigen Kann-Möglichkeiten.


Bei der Komposition nach-theistischer Fürbitten ist auf die Gestaltung folgender Elemente zu achten:
die Eröffnung, der Antwortruf, die vier Ansagen, das Schweigen, der Abschluss. Dabei wird konsequent nicht mehr mit Eingriffen eines gütigen und fürsorgenden Gottes gerechnet. Kein Pharao-Götze wird bestürmt, er möge dies und jenes tun. Nie mehr: „Wir bitten dich erhöre uns.“ Also:

  • Das Wort Gott möglichst meiden, eher von der Tiefe im Leben sprechen. Darum auch:Sich der Vorstellung einer leidenden und schweigenden, einer „werdenden“ und werbenden „Tiefen-Dimension“ des Lebens und der Welt öffnen. „Gott erhören“, sein Rufen in der „Welt“ erhören.
  • Die Bedeutung der Stille und des gemeinsamen Schweigens ernst nehmen. Die Ansagen können dabei das „Anhalten der Welt“ ins Bewusstsein heben und zu neuen Gemeinsamkeiten führen.
  • Abschluss der Fürbitten: den Begriff Gott ersetzen mit anderen Bildern. Lyrik ernst nehmen.

Aufbau der einzelnen Ansagen:


Beten für... heißt nun: denken an – beten mit – wünschen für… Darum drei Schritte:

  • Die Solidarität verkünden: Wir verbinden uns mit… Wir beten für
  • Zum Gedenken einladen: Wir denken an sie… Wir wünschen (Schwierigkeit der Stille)
  • Zur Antwort aufrufen: Wir rufen ihnen zu… Wir sind dankbar und singen

14.05.2015 / Alois Odermatt (Schweiz) al(dot)odermatt(at)bluewin(dot)ch

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