Feministische Bibelauslegung

Administrator (admin) on 14.03.2013

Doris Strahm

Für viele Feministinnen steht fest: Die Bibel ist ein Dokument des Patriarchats. Auch viele christliche Frauen teilen die Ansicht, dass die Bibel über Jahrhunderte als Instrument zur Unterdrückung von Frauen gedient hat. Denn die "Heilige Schrift" enthält nicht nur frauenfeindliche Texte; sie ist in der Geschichte des Christentums aus einer androzentrischen Sicht meist so ausgelegt worden, dass sie die herrschende patriarchale Geschlechterordnung stützte und kirchliche Frauenunterdrückung legitimierte. Immer wieder sind einzelne Bibelstellen wie etwa Gen 3, 1 Kor 11,7 oder 1 Tim 2,12-15 herausgegriffen worden, um Frauen an ihrem untergeordneten Platz in Kirche und Gesellschaft festzuhalten, ihre Forderungen nach gesellschaftlicher Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zurückzuweisen und sie von den kirchlichen Ämtern fernzuhalten. ...

Doch für die meisten christlichen Frauen ist die Bibel mehr als das: Sie enthält auch emanzipatorische Impulse und befreiende Traditionen von der Würde und Gottebenbildlichkeit beider Geschlechter, die Frauen in der Geschichte des Christentums immer wieder ermutigt haben, gegen ihre Diskriminierung in Kirche und Gesellschaft zu kämpfen und ihre Rechte als Töchter Gottes einzufordern. Feministische Christinnen kritisieren deshalb eine jahrhundertelange Auslegungsgeschichte, die die Bibel in ein "garstiges" Buch für Frauen verwandelt hat und lesen seit den 1980er Jahren die Bibel selbst, mit ihren eigenen Augen. Sie entdeckten dabei die grossen Frauengestalten der Hebräischen Bibel, aber auch die vielen Frauen in der Jesusbewegung und den frühchristlichen Gemeinden, die in der christlichen Verkündigung verschwiegen wurden; sie stiessen auf Bilder von der Weiblichkeit Gottes und auf Spuren egalitärer und emanzipatorischer Traditionen in der Jesusüberlieferung.

Feministische Theologinnen haben deshalb in den letzten Jahrzehnten verschiedene Modelle feministischer Hermeneutik, d.h. der Auslegung biblischer Texte entwickelt, die zweierlei leisten wollen: einerseits die patriarchalen Strukturen und frauenunterdrückenden Aspekte von Bibeltexten aufzudecken und andererseits die verschütteten und unsichtbar gemachten emanzipativen und befreienden Traditionen wiederzugewinnen. Feministische Theologinnen sind überzeugt, dass die Bibel – richtig gelesen und interpretiert – ein Potential der Befreiung auch für Frauen in sich birgt und von einem Gott des Lebens erzählt, der/die auf der Seite der Unterdrückten, also auch auf der Seite von Frauen steht. Inzwischen gibt es auch Kommentarwerke wie z.B. das Kompendium Feministische Bibelauslegung, das eine Neubetrachtung aller Schriften der Bibel aus feministischer Sicht vorlegt, und eine Bibelübersetzung in gerechter Sprache, die auch die Frauen sprachlich sichtbar macht.

(14.3.2013, Doris Strahm)


Literatur zum Thema

Annette Noller, Feministische Hermeneutik. Wege einer neuen Schriftauslegung, Neukirchen-Vluyn 1995.
Luise Schottroff / Marie-Theres Wacker, Kompendium Feministische Bibelauslegung, 3. Aufl., Gütersloh 2007.
Silva Schroer / Luise Schottroff / Marie-Theres Wacker: Feministische Exegese. Forschungserträge zur Bibel aus der Perspektive von Frauen, Darmstadt 1995.
Elisabeth Schüssler Fiorenza, Brot statt Steine. Die Herausforderung einer feministischen Interpretation der Bibel, Freiburg / Schweiz 1988.
www.bibel-in-gerechter-sprache.de
 

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