Ehrfurcht vor dem Leben: Ein Grund-Satz des Glaubens

Administrator (admin) on 02.12.2012

Prof. Klaus-Peter Jörns

EHRFURCHT VOR DEM LEBEN
Albert Schweitzers Ethik von der Erhaltung und Förderung des Lebens

„Ehrfurcht vor dem Leben" ist bei Albert Schweitzer zuerst und zuletzt das, was er, bekenntnisartig, so formuliert bat: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." (Gesammelte Werke, Bd. 5, S. 158) Es geht also zuerst nicht um Ethik und Verhaltensregeln, sondern um das Bekenntnis, dass sich das Leben vielgestaltig selbst entfaltet.

Es ging Albert Schweitzer um sein spezifisches Verständnis von Weltanschauung: Wir Menschen dürfen nicht auf uns selbst fixiert sein, sondern müssen das Ganze des Lebens im Blick haben, wenn wir von Leben reden. Darum hat Schweitzer wahrscheinlich sich selbst auch auf so vielen Gebieten eingebracht und entfaltet. Diesen intensiven Lebensbezug hat er als Erbe der Jesus-Überlie-ferung und als Quintessenz von dessen Reich-Gottes-Botschaft übernommen und in seine Lebensmöglichkeiten transferiert.

Nicht nur den Menschen in den Blick nehmen

Der zentrale Satz der ethischen Theologie Albert Schweitzers und die daraus abgeleitete Grundregel, dass alles Lebensdienliche gut und alles Lebensfeindliche böse ist, führte ihn, wie Erich Gräßer in seiner Forschungsübersicht festgestellt hat, „in aporetische Konflikte". Er zitiert dazu das von Schweitzer geprägte Stichwort der „Selbstentzweiung des Willens zum Leben" (Gesammelte Werke, Bd. 2, S. 381) und bezieht es auf die heute als communis opinio geltende These, dass alles Leben nur auf Kosten anderen Lebens leben könne und lebe1. Das heißt: Mit der Entfaltung des eigenen Lebenswillens behindere ich, ob ich es will oder nicht, den Lebenswillen anderer.

Wichtig für mich ist an der Position Schweitzers zuerst einmal, dass er, wenn er von Ethik spricht, nicht nur die Menschen und die menschliche Gesellschaft im Blick hat, wie die allermeisten Ethiker bis heute. In dem Buch Die Weltanschauung der indischen Denker mit dem Untertitel „Mystik und Ethik"2 hat Schweitzer formuliert: „Die Ethik, die es nur mit dem Verhalten des Menschen zum Nebenmenschen und zur Gesellschaft zu tun hat, lässt sich mit Weltanschauung nicht wirklich vereinigen." Sie habe „ja keine Beziehung zum Weltganzen" und sei „eine logische Unmöglichkeit." Positiv formuliert: „Die wahre Ethik hat Welt-Weite. Alles Ethische geht auf ein einziges Grundprinzip des Ethischen, das der höchsten Erhaltung und Förderung von Leben, zurück."3 Leben umschließt dabei sowohl das individuelle Leben als auch das Leben der anderen Menschen, also Individualität und Sozialität aller Lebewesen. Albert Schweitzer geht von einer lebensbezogenen „Verbundenheit des Menschen mit aller Kreatur aus".4 „Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt."5

Das aber heißt, dass der Wille des Lebens zu leben (nicht: der Wille zum Leben, denn 'ich bin [ja] Leben') vom einzelnen Menschen nicht rücksichtslos gelebt werden darf. Sondern er muss in seiner Tendenz, sich absolut zu setzen, gebrochen und begrenzt werden durch die Verantwortung dem Leben in allen Erscheinungsformen gegenüber. „Ein auf die Welt gehendes Wirken ist dem Menschen nur in der Art möglich, dass er sich um die höchste Erhaltung und Förderung alles Lebens, das in seinen Bereich tritt, bemüht. In diesem Eins-Werden mit allem Leben verwirklicht er das tätige Eins-Werden mit dem Ur-Grunde des Seins, dem dieses Leben zugehört."6

Mit diesem Zitat kommt deutlich in den Blick, was Schweitzer selbst die „ethische Mystik" genannt hat. Sie wird bei ihm aber nicht mit irgendeinem der christlichen Glaubenssätze begründet, auch nicht mit einer Schöpfungstheologie, durch die das Leben einen dem Leben vorgegebenen Sinn und Zweck bekäme. Schweitzer ist als empirischer Wissenschaftler davon überzeugt - und deswegen auch Agnostiker genannt worden -, dass wir „keine Welterkenntnis" besitzen, „die uns ein Weltziel, in dessen Dienst wir unser ethisches Wirken zu stellen haben, aufzeigen kann".7 Zwar habe man versucht, dieses nicht zu findende Weltziel durch Weltdeutung zu ersetzen, natürlich auch durch theologische Weltdeutung. Aber solche Deutung führe nicht wirklich weiter, wie die Religionswissenschaft bis heute bestätigt.

Denn zu allermeist fällt sie dualistisch aus: Um nicht in die Falle der Theodizeeproblematik zu geraten, in der sich Gott als in sich gespalten und also als unglaubwürdig erweist, wird Gott für das Gute und ein Widersacher Gottes, ein rechter Anti-Gott - zum Beispiel in der zumeist personifiziert zitierten Sünde („Die Sünde steht vor der Tür, und nach dir hat sie Begehr") - für das Böse in der Welt verantwortlich gemacht. Schweitzer versuchte dagegen „sachlich" zu bleiben, also von dem auszugehen, was sich uns zeigt. Und bei einer solchermaßen sachlichen Betrachtung des Weltganzen bleibe das Wirken des „Welt-Geistes" für uns ein Rätsel, „weil es im Schaffen und im Zerstören, im Hervorbringen und im Vernichten von Leben" verlaufe.8

Da unser Handeln nicht durch Deutung und nicht durch erkennbare Weltziele ethisch begründbar sei, verhalte es sich umgekehrt: Ethik ist für Schweitzer höchste „Erhaltung des eigenen Lebens im Vollkommener-Werden und (zugleich) höchste Erhaltung von anderem Leben in empfindender und helfender Hingabe an" dieses (andere) Leben: „Dies ist Ethik". Und als Zusammenfassung noch einmal Albert Schweitzer: „Was wir Liebe nennen, ist seinem Wesen nach Ehrfurcht vor dem Leben. Alle materiellen und geistigen Werte sind Werte nur insofern, als sie der höchsten Erhaltung und Förderung von Leben dienen."9

Sich mit dem Ganzen verbinden

Mir liegt sehr viel an dieser Sachlichkeit Schweitzers. Er hat damit nämlich, ohne den Begriff schon zu verwenden, eine Art komplementärer Ethik geschaffen, die den widersprüchlichen Phänomenen des Lebens gerecht werden kann. Komplementär ist sie nicht nur durch die Verbindung von Individual- und Sozialethik, sondern vor allem dadurch, dass das menschliche Leben und das nichtmenschliche Leben als zugleich unterscheidbar und zusammengehörig angesehen werden. Ja, indem er die Hingabe an das Leben als menschliche Möglichkeit beschreibt, sich mit dem schöpferischen Welt-Geist zu vereinen, werden auch das göttlich-geistige und das vom Geist hervorgebrachte menschliche und außermenschliche Leben komplementär miteinander zusammen gesehen: als Teile des Lebensganzen.

Diese Aussage kommt nicht durch ein Sinnprodukt zustande, das von außen an das Leben als sein angebliches Ziel herangetragen würde, sondern durch die Wahrnehmung dessen, was geschieht. Und das, was geschieht, schließt für uns beides ein: das als gut und als böse (oder auch schlecht) Bewertete - und den Zwang, beides täglich unterscheiden zu müssen, um handeln zu können. Diese Titanenarbeit (vgl. Gen 3,22) ist uns auferlegt, weil die Lebensphänomene, wenn wir ihnen begegnen, nicht unmittelbar evident gut oder böse sind, sondern erst in unserer Wahrnehmung gut und böse werden, weil wir sie eigenen oder fremden Lebenserfahrungen und deren sozialen Bewertungen zuordnen. Weil wir in unserer Wahrnehmung die Lebensgestalten nicht reproduzieren können, sondern neue Wahrnehmungsgestalten von ihnen bilden, ordnen wir das Wahrgenommene immer schon bestimmten Werten wie gut und böse zu. Durch diese Zuordnungen reduzieren wir Komplexität, um nicht in der In-formationsflut des Alltags unterzugehen, sondern handlungsfähig zu bleiben. Trotz dieser binär-polaren bzw. dichotomischen Zuordnung gehören alle Phänomene als Teile des Ganzen zum Leben, zu einer Wirklichkeit, hinzu. Denn dieses Ganze schließt - wie in der Quantenphysik - das Antilogische, das lo-gisch nicht Verbindbare, notwendig ein.

Durch dieses Denken gelang es Albert Schweitzer in meiner Perspektive auch, die Erwählungstheologie, die Israel von Ägypten übernommen und die die christliche Kirche noch auf die Spitze getrieben hatte, zu überwinden. Das ist bedeutsam, weil nichts den Frieden zwischen Völkern und Kulturen so sehr behindert wie die konkurrierenden Erwähltheitsvorstellungen. Der Nahe Osten zeigt das seit Jahrzehnten auf drastische Weise.

Und, gleich bedeutend: Durch die unverstellte Wahrnehmung dessen, was geschieht, gelingt es Schweitzer, die lebenserhaltende Energie nicht nur zugleich im Schaffen und Zerstören, im Hervorbringen und im Vernichten von Leben zu erkennen. Er sagt, dass wir irgendwann im Leben lernen, der Metamorphose des eigenen Lebens im Sterben zuzustimmen. Damit tritt die dynamische Kraft der Sterblichkeit als Lebensprinzip aus der - durch den Willen zu leben, lange bewirkten - Verborgenheit heraus. Denn die Sterblichkeit des Lebens verhindert nicht nur die Vergreisung des Lebens, sondern ist die Voraussetzung dafür, dass das Sterben und Werden neuer Lebensgestalt überhaupt möglich ist - und zwar unter Beteiligung der geistigen Potenzen, die Menschen, Tiere und Pflanzen im eigenen Leben entwickelt haben.

Gedacht werden kann das nur, wenn man davon ausgeht, dass sich der Energiezusammenhang Leben durch nichts verändert, weder durch die Metamorphosen der individuellen sterblichen Lebensgestalten, noch durch die Ausdehnung des Kosmos.

Versteht man Sterblichkeit als die die Lebensdynamik erhaltende Metamorphose, dann ist auch die Fixierung der Lebenszukunft auf die jeweils schon gelebte Art - zum Beispiel die menschliche - überwunden. Keiner weiß, was aus uns wird. Aber wir können hoffen, dass wir staunen werden, wenn wir die Fülle des Lebens erfahren werden- so oder so. Diese Art Lebens-Theologie aber lässt sich mit dem Lebensverständnis der traditionellen Theologie nicht verbinden. Denn diese bindet die Gottebenbildlichkeit anthropozentrisch an des Menschen Lebensgestalt. Eine evolutionär gedachte Metamorphose des Lebens gibt im Grunde der altägyptischen Vorstellungsvielfalt der Götterbilder Recht, weil sich darin die Vielfalt der Lebensgestalten spiegelte.

Albert Schweitzer wäre wohl nicht auf die Idee gekommen, die menschliche Sprache als das einzig angemessene Medium der Kommunikation mit Gott zu qualifizieren. Denn dadurch sind die Tiere, denen ja schon keine Seele zugestanden worden war, doppelt von einer direkten Gottesbeziehung ausgeschlossen worden. Die Wort-Gottes-Theologie hat Schweitzer deshalb des Pantheismus geziehen. Wer Gott nämlich aus dem totalen Anderssein und Gegenüber zu Mensch und Welt herausholt, begeht das größte Delikt, dessen sich ein Theologe schuldig machen kann. Genau das aber hat Albert Schweitzer getan bzw. zumindest als Möglichkeit eröffnet. Die Theologie hat es ihm nicht vergessen.

Schöpfung

Ehrfurcht vor dem Leben ist keine Gesinnung oder Haltung, sondern eine Gesamtschau theologischer Art, die der Sünde keine gottähnliche Rolle mehr gewährt. Sie fragt nach den Leiden der Geschöpfe und nach Möglichkeiten, sie zu verhindern oder zu lindern.10 Gelebt wird sie als geistige Wahrnehmungskraft und liebevolle Hingabe. Daher die Verbindung von Theologie und Medizin bei Schweitzer, die der Verbindung von Lehrer und Heiler bei Jesus entspricht. Auch diese Grenzüberschreitung war den Theologen suspekt. Sie hatten und haben sich längst mit der Trennung von Heil und Heilung abgefunden. Heil ist etwas geworden, was eine rein spirituelle Qualität hat. Für Heilung sind allein die Ärzte zuständig.

Ehrfurcht vor dem Leben sieht im Lebenswillen den Überlebenswillen - aber nicht um jeden Preis. Der Kampf gegen die Leiden und Krankheiten will beides nicht abschaffen. Insofern knüpfte Schweitzer an das Heilsverständnis der frühen Menschen an, für die Leben bzw. das ständige Überleben lebens-gefährdender Krisen die elementare Form von Heil war. Davon erzähle ich in meinem Buch „Update für den Glauben" (2012).

Schweitzer sah, dass Sozialität gleichrangig neben der Individualität steht, dass also das Mittragen und Mitgetragenwerden untrennbar miteinander verbunden sind. Wenn Schweitzer das große Rätsel unserer Existenz in dem „Wirken des Weltgeistes" sah, das sich „im Schaffen und im Zerstören, im Hervorbringen und im Vernichten von Leben" zeigt, hat er damit einen Beitrag zur "Entteufelung" der Welt geleistet. Denn darin ist der Dualismus überwunden, weil Schweitzer anerkennt, dass die Wirklichkeit des Lebens von diesen - logisch gegenläufigen Kräften - bestimmt wird. Also kann das „Rätsel" nicht von einer außerweltlichen Transzendenz her aufgelöst, sondern nur als Bestandteil einer komplementär strukturierten Wirklichkeit erkannt und akzeptiert werden.

Damit hat Albert Schweitzer der Theologie den Zugang zur Evolution und auch zu einer evolutiven Anthropologie gebahnt. Der Lebenswille wird dabei nicht als Egoismus gebrandmarkt, aber auch nicht absolut gesetzt. Keine der gegenläufigen Kräfte („Schaffen und Zerstören") darf für sich genommen und für sich bewertet werden, denn sie sind Beschreibungen von zusammenhängenden, ineinander wirkenden Lebensvorgängen, und nicht von irgendwelchen egoistischen Strategien bestimmt. Daraus folgt ethisch: Wer in diese Struktur des Lebens eingreifen und die eine gegen die andere Seite ausspielen will, will das Leben selbst nachbessern, will also ein anderes Lebenskonzept haben. Aber wir können das Leben nicht „retten", indem wir uns gegen das Leben stellen. Uns bleibt aber, zugunsten der Leidenden, mittragend und mitfühlend und dann auch lindernd und heilend, zu intervenieren und die Schutzrechte gegen die Anspruchsrechte zu stärken. Das kann aber selbst wieder nur dienend vollzogen werden und nicht herrschend, kann nur durch Kooperation geschehen.

Jesus folgend, hat Albert Schweitzer die Kooperation gegen die lieblose Seite der Selektion gestärkt. Er wusste, dass die Kooperation der Evolution zumindest genauso dient wie die Selektion. Darum hat er mit den kolonialistisch deklassierten Schwarzen kooperiert und nicht eine Schwarzwaldklinik übernommen. Und er hat den Tieren ihre je eigene Würde zurückgegeben, indem er sie neben die Menschenwürde gestellt hat. Nur im Blick auf diese je eigene Schöpfungswürde gab es für ihn einen absoluten Anspruch.

_____________________________________________________________________________________________________________

Der vorliegende Aufsatz ist einem Vortrag entnommen, den Klaus-Peter Jörns am 2.12.2012 an der Evangelischen Akademie Arnoldshain hielt. 

Anmerkungen:

1 Erich Gräßer, Art. Schweitzer, Albert in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 30, Berlin/New York 1999, S. (675-682) 679.
2 München 1935, S.191.

3 Ebd.   4 Ebd., S.192.  5 Ebd., S.193.  6 Ebd.  7 Ebd, S.189.  8 Ebd., S. 190.  9 Ebd., S.191.  10 Johannes 9,1 ff. weist Jesus die Frage seiner Jünger zurück, wer an der Blindheit des Blinden schuld sei. Für ihn gibt es zum Blinden nur eins zu sagen: es muss ihm geholfen werden.

Back