Buchempfehlung: Der Traum des Königs Nebukadnezar

Administrator (admin) on 26.11.2018

Dr. Christian Greiff

Roger Lenaers:
Der Traum des Königs Nebukadnezar - Das Ende einer mittelalterlichen Kirche”

Edition Anderswo 9016 Kleve Dritte Auflage 2010, 257 Seiten


 

Koloß auf tönernden Füßen

Eine erschreckend große Statue, das Haupt goldglänzend, abwärts blickend erbaut aus minderen Metallen, Silber, Bronze, Eisen – aber die Füße sind aus Ton geformt. Noch steht sie, doch ein schwerer Stein rollt auf die Füße und zerschlägt sie, alles stürzt zusammen in Trümmer, ja wird wie Staub vom Wind verweht. So wird es dem alten Kircheninstitut mit seinem goldenen Haupt in Rom ergehen unter dem Anprall der Modernität!

Dieses starke Bild nimmt Roger Lenaers aus dem Alten Testament. Der Prophet Daniel weiß den Traum von Nebukadnezar, des Königs von Babylon, zu deuten: Sein noch bestehendes goldglänzendes Reich wird sicher untergehen. Lenaers nun sieht voraus, daß die mittelalterliche Kirche einstürzen wird wie der Koloß auf tönernen Füßen. Seit er 2001 und 2003 in längeren Essays die Gedanken veröffentlichte, die dann zu dem hier angezeigten Buch führten, sind tatsächlich die Schäden am Bau der katholischen Kirche immer sichtbarer geworden, allerdings nicht an der Basis, sondern an der Oberkonstruktion, um ein anderes Bild zu verwenden. Aber auch die evangelische Kirche zeigt mittelalterlich marode Bauelemente, die dringend der Erneuerung bedürfen – durch eine Glaubensreform.

Roger Lenaers, geboren 1925 in Oostende in Belgien, trat dem Jesuitenorden bei und studierte Philosophie, Theologie und Altphilologie. Er lehrte alte Sprachen und Religion an Gymnasien. In Aufsätzen und Vorträgen festigten sich seine Gedanken zu den Folgen der Modernität für die Neuformulierung der katholischen Glaubenslehre. Er wurde deutschsprachiger Gemeindepfarrer in einer Tiroler Kirchengemeinde und lebt im Ruhestand in Heverlee bei Löwen.

In neunzehn Kapiteln zeichnet Lenaers die Entfaltung des modernen Weltbildes nach und gibt klare Hinweise darauf, wie christlicher Glaube sich in neuer Sprache darstellen kann. “Die vorher selbverständliche Überzeugung, daß eine Oberwelt nach Belieben strafend und rächend oder helfend und heilend eingreift und immer eingreifen kann, verflüchtigte sich allmählich... Von unwirksam zu unwirklich ist es nur ein kleiner Schritt” S. 21. “Gibt es in diesem Denken dann noch einen Platz für Gott? Freilich gibt es dort einen Platz für ihn. Und nicht nur ein ganz kleines Plätzchen,... sondern den wichtigsten Platz, soviel Platz sogar, daß im Vergleich dazu sein früherer Platz als Gott-im-Himmel nur der eines Außenseiters war, der im kosmischen Geschehen und im menschlichen Alltag nur

ausnahmsweise zur Geltung kam und insofern doch nicht der wahre Gott sein kann... Nicht als ob es keinen Gott gäbe, wie die atheistische Wissenschaft glaubt”, sondern Gott selber ist “der tiefste und schöpferische Kern jedes kosmischen Prozesses. Gott ist nie draußen, sondern immer schon drinnen” S. 24.

Lenaers erklärt sein weiteres Vorgehen (S. 45): “Eine Anzahl wichtiger Themen der Dogmenlehre und der Spiritualität werden nacheinander an die Reihe kommen... Bei jedem dieser Themen soll dargelegt werden, daß die offizielle Lehre das Ergebnis heteronomer Voraussetzungen und Vorstellungen ist. Jedesmal folgt dann der Versuch, eine modernere, d.h. theonome Vorstellung der darin niedergelegten Gotteserfahrung zu formulieren... Es geht um Entdeckungsreisen in ein fast noch unbetretenes Gebiet. Da gibt es noch keine Pfade”. Er behandelt dann: die Heilige Schrift als Glaubensquelle; den Schatz der Tradition; die Hierachie; das neue Gottesbild; Jesus Christus, sein Wesen; die Trinität; Marienverehrung; Jesu Auferstehung; Leben nach dem Tod; die sieben Sakramente; fünf Rituale; die Eucharistie; Sünde und Beichte; Askese; Bittgebete, und das Credo.

Allen hier zu lesenden Ausführungen kann man, auf der Basis der in unserer Gesellschaft zur Glaubensreform gewonnenen Erkenntnisse, vollauf zustimmen. Der Stil ist klar und direkt wie eine Rede, der Autor weiß den Leser/Hörer anzusprechen wie ein Prediger, und es wird deutlich, wie sehr ihm die Botschaft am Herzen liegt. Er selbst sagt zu Beginn, er habe “aus pastoraler Bekümmernis seit einem halben Jahrhundert” die Entwicklungen verfolgt und möchte nun seine in der langen Periode entwickelten neuen Gedanken zusammenfassen als eine “moderne Formulierung des einen und ewigen Glaubens an Jesus Christus und an dessen Gott”.

Die in seiner flämischen Sprache verfaßten Schriften haben in Flandern großes Aufsehen erregt, aber in Deutschland ist Roger Lenaers nicht sehr bekannt geworden. Außer dem “Traum des Königs Nebukadnezar” verfaßte er auf Flämisch das Buch ”Al is er geen God-in-den-hoge” (Da ist kein Gott-in-der-Höhe), das deutsch in zwei Teilen herausgegeben wurde: “In Gott leben ohne Gott”, Kleve 2011, und “Gläubiger Abschied von der Religion”, Kleve 2012. Er ist aber beachtet worden und wird durchaus geachtet. Hubertus Halbfas hat alle drei genannten Bücher von Lenaers im Literaturverzeichnis seiner Schrift “Der Herr ist nicht im Himmel” von 2013 aufgeführt und zitiert ihn ausführlich (S. 71 f.) in seinem Buch “Kurskorrektur” von 2018 dort, wo er aufs Abendmahl und die heutige Messe zu sprechen kommt.

Auch ich möchte den Leser auf dieses Thema hinweisen, das für unsere Arbeit von besonderem Interesse ist, indem ich eines der neunzehn Kapitel aus dem angezeigten Buch herausgreife und Roger Lenaers sprechen lasse – in Zusammenfassung der Seiten 206 bis 212.

Er sagt: Wir müssen die Deutung der Eucharistie als Opfer durch eine andere Deutung ersetzen. Opfer ist nicht die älteste Deutung. Älter ist die Anschauung als Mahl des Herrn, wie im Korintherbrief. Das Essen der dünnen Oblate, zu welchem die Kommunion nach und nach verkümmert ist, kann man doch nicht ehrlich ein Mahl nennen. Man kann auch die Sonntagsmesse mit ihrem einschläfernden Ritual nicht Feier nennen. Man kann am besten noch von Gedächtnis sprechen. Wir wiederholen das, was Jesus uns aufgetragen hat zu tun, nämlich seiner zu gedenken. Und dieses Gedenken hat die Form: “Nehmt und eßt” und “Nehmt und trinkt”. Von diesem Essen und Trinken ist kaum etwas übrig geblieben. Des Jesus von Nazareth zu gedenken heißt: eine lebendige Erinnerung an ihn zu wecken als an jemand, der wie Brot und Wein für seine Mitmenschen sein wollte. Diese lebendige Erinnerung, dieses ”Gedenken”, wird ihn in unserem Leben gegenwärtig und schöpferisch wirksam machen.

Das hat Parrallelen in der täglichen Erfahrung. Auch dort macht das dankbare Gedenken an einen großen und edlen Menschen diesen psychologisch gegenwärtig und weckt das Verlangen, ihm einigermaßen ähnlich zu werden.

Im Brot, das Jesus für seine Jünger bricht, schaut er sich selbst. Dieses Brot erscheint ihm als sein eigenes Portrait. “Das bin ich”. Es wird zum Zeichen, daß er Brot für seine Jünger ist (für alle Menschen), sie ernährt, ihnen Leben schenkt. Brot des Lebens. Das Brot in seinen Händen bekommt so einen neuen und unendlich reicheren Sinn, es wird Zeichen einer Begegnung und Verbundenheit zwischen den Jüngern und ihrem “Herrn und Meister”, von dem sie bald getrennt werden. Beim Abendmahl wird dessen gedacht, was Jesus beim letzten Abendmahl sagte und tat, als er in einer einfachen, aber großartigen Gebärde sein Herz offenbarte und sein Leben zusammenfaßte.

Den Weinstock gibt es nicht ohne seine Reben. Den zur Vollendung gelangten, in biblischer Sprache: verherrlichten Jesus gibt es nicht mehr außerhalb der Gemeinschaft derer, die an ihn glauben, die als die Reben mit ihm zusammenwachsen, in denen er lebt und schöpferisch wirksam ist. Aus dem “Gedenken” an den Jesus, der seinen Jüngern das Brot brach, wird in der Wiederholung der Szene die Gegenwart des auferstandenen Christus, der das Brot des Lebens reicht und den gesegneten Kelch.

Ich füge noch einen Gedanken Lenaers`aus einem früheren Kapitel hinzu (S. 150), die Erzählung der Emmausjünger betreffend: “Es hat lange gedauert, ehe man verstanden hat, was Lukas mit dieser Erzählung meint. Er will keineswegs berichten, was sich am Ostersonntag zwischen Jerusalem und Emmaus genau ereignet hat. Vielmehr will er mit Hilfe einer Erzählung deutlich machen, auf welche Weise alle Gläubigen Jesus als lebend erfahren können. Nämlich indem ihr Herz warm wird und sich freut bei der Verkündigung seiner Höhe und Tiefe. Und indem sie ihn erkennen beim “Brechen des Brotes”, sie sich also der Präsenz Jesu bewußt werden, wenn sie miteinander in Freundschaft verbunden bei Tisch sind und seines Lebens und Sterbens gedenken”.

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