Abschied von der Opfertheologie

Administrator (admin) on 11.03.2013

Doris Strahm

"Jesus Christus hat uns durch sein Leiden und Sterben, durch seinen Opfertod am Kreuz, von der Sünde erlöst": Diese Kernaussage der christlichen Erlösungslehre wird seit gut zwei Jahrzehnten von feministischen Theologinnen in Frage gestellt und in jüngerer Zeit auch von Theologen wie Klaus-Peter Jörns u.a. kritisiert. Ist Jesus für uns gestorben? Sind wir Menschen schuld an seinem Tod? Musste Jesus qualvoll am Kreuz sterben, um uns zu erlösen? Hat Gott seinen Sohn geopfert, damit wir von der Sünde erlöst werden? Kann das Christentum als Religion der Liebe wirklich auf einem Opfer gründen und darin seinen Sinn haben? Solche Fragen stellen sich heute immer mehr Menschen, nicht nur Theologinnen und Theologen. ...

Für feministische Theologinnen steht fest: Die Sühnopfertheologie, die Deutung des Todes Jesu als Sühneopfer für unsere Sünden, war eine zeit- und kulturbedingte Deutung des Todes Jesu, die in Denkmodellen wurzelt, die heute fremd geworden sind (Opferkult, ein in seiner Ehre verletzter Gott usw.) und schädliche Wirkungen zeitigen. Sie kritisieren, dass die Opfertheologie das Bild eines Gottes vermittelt, der ein Blutopfer braucht, um sich versöhnen zu lassen. Zudem transportiert die Verknüpfung von Leiden, Opfer und Liebe – der Vater hat seinen Sohn aus Liebe zu uns geopfert; im Leiden und Opfer Jesu zeigt sich die Liebe des Sohnes zum Vater – ein gefährliches Beziehungsmodell, das sich besonders für Missbrauchsopfer verheerend ausgewirkt hat. Liebe wird mit Opfer, Gehorsam und Hingabe verknüpft und väterliche Gewalt religiös überhöht. Die Opfertheologie widerspiegelt Werte patriarchaler Familienordnungen und hat damit bis in unsere Zeit hinein auch weibliche Rollen bzw. "Tugenden" wie Selbstaufopferung, Hingabe und Selbstverleugnung theologisch legitimiert.

Viele Theologinnen nehmen Abschied von der Kreuzes- bzw. Opfertheologie, weil diese Lehre, die unsere Erlösung im Kreuzestod und der Opferung Jesu sieht, nicht nur schädliche Folgen hat, sondern auch grundlegend der Botschaft und dem Wirken Jesu widerspricht und dem, wozu er Menschen befreit hat: nämlich zu einem Leben in Fülle, erfüllt von der göttlichen Geistkraft, die Menschen aufrichtet und nicht klein und ohnmächtig macht. Das ganze Leben und Wirken Jesu war darauf ausgerichtet, Frauen und Männern – ohne Bedingungen – die heilvolle Nähe und Liebe Gottes zuzusprechen. Im Zentrum des christlichen Glaubens steht für feministische Theologinnen nicht der Tod Jesu, sondern sein Leben, seine Botschaft vom Reich Gottes und die Erfahrung der Auferstehung, die damals und heute bei seinen NachfolgerInnen Auferstehungsprozesse in Gang setzt(e): Auferstehung vom Tod ins Leben mitten im Leben, Aufstehen gegen die Mächte des Todes und ein Einstehen für Gottes Gerechtigkeit in unserer Welt.

(11.3.2013, Doris Strahm)

Literatur zum Thema

Sabine Bieberstein (Hg.), Frauen Auferstehung, FrauenBibelArbeit Bd. 29. Stuttgart 2012.
Ulrike Eichler, Weil der geopferte Mensch nichts ergibt. Zur christlichen Idealisierung weiblicher Opferexistenz, in: Ulrike Eichler / Ilse Müllner (Hg.), Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen als Thema der feministischer Theologie, Gütersloh 1999, 124-141.
Claudia Janssen / Benita Joswig (Hg.), Erinnern und aufstehen – antworten auf Kreuzestheologien, Mainz 2000.
Doris Strahm / Regula Strobel (Hg.), Vom Verlangen nach Heilwerden. Christologie in feministisch-theologischer Sicht, Luzern 1991.
Luzia Sutter Rehmann / Sabine Bieberstein / Ulrike Metternich (Hg.). Sich dem Leben in die Arme werfen. Auferstehungserfahrungen, Gütersloh 2002.

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