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Was Gott sich antut - und was die EKD darüber weiß

06.03.2016
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Herbert Koch

Was Gott sich antut -
und was die EKD darüber weiß

„Für uns gestorben“ - ein „Grundlagentext“

Die eine, allseits bejahte evangelische Theologie hat es nie gegeben, auch nicht im 20.Jahrhundert. Und auch gegenwärtig gibt es sie nicht. Die Kammer für Theologie des Verbundes „Evangelische Kirche in Deutschland“(EKD) bezieht sich jedoch in ihrem 2015 formulierten „Grundlagentext“ namentlich allein auf Karl Barth und Eberhard Jüngel als Hauptrepräsentanten evangelischer Theologie im 20. Jahrhundert. Und sie bekennt sich ausdrücklich zur Bindung an die mit diesen Namen verbundene Dogmatik. Was zur Folge hat, dass ein ganzer, an den theologischen Fakultäten breit vertretener Zweig der Theologie weitestgehend ignoriert wird: die historisch-kritische Erforschung der im „Neuen Testament“ zusammengestellten Schriften und weiterer christlicher Texte derselben Entstehungszeit. Bis ins 18.Jahrhundert reicht diese Forschungs- und Auslegungsweise in ihrer Entstehung und Entwicklung zurück. Und auch die radikale Verachtung, die Karl Barth ihr zuteil werden ließ, konnte ihre solide wissenschaftliche Weiterentwicklung im 20. Jahrhundert nicht hindern.

Von dieser Missachtung aber lebt leider die Art der Bezugnahme auf die Bibel, der sich die „Kammer für Theologie“ bedient. Sie ignoriert entsprechend, dass der als „Neues Testament“ bezeichnete Teil der Bibel aus ganz unterschiedlichen Schriften von ganz unterschiedlicher gemeindlicher und geographischer Herkunft besteht, die der Feder unterschiedlicher Verfasser entstammen unter Rückgriff auf verschiedene Zweige von mündlicher Überlieferung. Obwohl ihren Mitgliedern diese Gegebenheiten eigentlich nicht unbekannt sein können, spricht die Kammer ganz ungeniert von „dem Neuen Testament“.


Bibel als Dogmatiksteinbruch

Unvermeidlich führt das zu einer selektiven, zugleich aber auch vermengenden Vorgehensweise. Weshalb man in diesem Papier vergeblich nach einer Bezugnahme auf die Erzählung des Markusevangeliums über dieTaufe Jesu sucht und was sie in Markus 1,11 über ihn als Gottessohn aussagt. Das kann insofern nicht verwundern, als die Grundthese des EKD-Papiers lautet: „Es war nach dem Neuen Testament Gott selbst, der auf die Welt kam und am Kreuz in Gestalt seines Sohnes die Konsequenz der menschlichen Schuld trug“. Markus aber berichtet von einer Gottesstimme, die bei der Taufe Jesu ansagt: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen“. Unter den Exegeten besteht Übereinstimmung, dass Jesus hier in demselben Sinne Gottes Sohn heißt, wie mit fast gleichlautender Formel im Alten Testament David als Israels König zum auserwählten Gottessohn erklärt wird (Psalm 2,7/Ps.. 89,27f./2. Samuel 7,14). Womit auch klar ist, dass Jesus für Markus erst ab hier, ab seiner Taufe im Jordan, Gottes Sohn im Sinne von „der wahre König Israels“ ist. Und was dieser von da an zu verkündigen hat, ist für Markus „das Evangelium Gottes“ (Kap.1,14).

Das EKD-Papier muss dies alles verschweigen. Denn es widerspricht der Metaphysik der theologischen Kammer, nach der in Jesus „Gott selbst auf die Welt kam“. Stattdessen wird der älteste Evangelienbericht aber in der Weise herangezogen, dass man die Ankündigung in Markus 8,31 zitiert, die lautet: „Der Menschensohn muss viel Leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen...“. Es hat etwas Unfassbares, wenn die Kammer diese Aussage ihrer Grundposition von der wesenhaften, quasi physischen Gegenwart Gottes im gekreuzigten Jesus zuordnet. Nichts anderes geschieht hier, als dass man kirchliche Dogmatik auf dem Felde der Exegese betreibt und das Markusevangelium in Wahrheit aus „dem Neuen Testament“ eliminiert. Den vom „Menschensohn“ ist bei Markus die Rede und nicht von „Gott selbst in Gestalt seines Sohnes“. Und es ist keine Rede von stellvertretender Sühne am Kreuz für die Schuld der Menschheit durch Gott selbst, inkarniert in seinem Sohn.
Die Bibel ist zum selektiven Steinbruch für den Bau der kirchlichen Dogmatik geworden. Was da hinein nicht passt, wird entweder gleich zu Abraum oder einfach für passend erklärt.


In päpstlicher Gesellschaft

Gleichwohl beansprucht die EKD-Kammer, die Aussagen „des Neuen Testaments“ erfasst zu haben und bescheinigt sich selbst „einen sehr gründlichen Blick in die biblischen Texte“. Die Art aber, wie sie diesen Blick fallen lässt, gleicht in frappierender Weise derjenigen von Joseph Ratzinger in seinem päpstlichen Werk über Jesus. In dessen erstem Band erklärt Ratzinger die historisch-kritische Bibelwissenschaft ausdrücklich für theologisch irrelevant. Von Bedeutung als Heilige Schrift sind biblische Texte vielmehr dann, wenn sie mit dem vereinbar sind, was im „Grundgedächtnis der Kirche“ aufbewahrt ist. Man erkennt erst von daher, wie alle spätere kirchliche Lehre im Neuen Testament in nuce, keimhaft, schon enthalten ist. Die biblische Wahrheit bleibt sich darin stets gleich. Sie entfaltet sich aber immer klarer in der kirchlichen Lehrtradition in immer neuen relectures. Und dazu gehört natürlich die im 4. Jahrhundertdurch das Konzil von Nicäa für absolut verbindlich erklärte Fassung des Inkarntionsdogmas im Sinne der absoluten Gleichheit von Vater und Sohn als dem einen Gott. Machtpolitisch motiviertes Drängen des römischen Kaisers lag diesem Beschluss zugrunde, hoch belohnt mit den Privilegien einer Staatskirche.

Es entspricht genau dieser von Ratzinger entwickelten Theorie, wenn die EKD unter Verabsolutierung und weitgehender Missdeutung der Paulusbriefe, aber ohne Verweis auf Nicäa, erklärt: „Es war nach dem Neuen Testament Gott selbst, der auf die Welt kam und am Kreuz in Gestalt seines Sohnes die Konsequenz der menschlichen Schuld trug“. Ein Unterschied besteht nur darin, dass Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. die Dogmen der Kirche auch schon in der Jesusüberlieferung der kanonischen Evangelien angelegt sieht. Denn auch
dafür gilt nach Ratzinger: „Die Vereinbarkeit mit dem Grundgedächtnis der Kirche ist der
Maßstab für das, was als historisch und sachlich treu anzusehen ist gegenüber dem, was nicht aus dem biblischen Wort, sondern aus dem eigenen Denken kommt“. Es ist also – römisch gesprochen - der „Glaube der Kirche“, der auch verlässlichen Zugang eröffnet zur Verkündigung des historischen Jesus von Nazareth.

So konsequent scheint die Metaphysik der EKD aber wiederum nicht gestrickt zu sein. So kühn ist man wohl doch nicht, die Beschlüsse von Nicäa auch schon im Selbstverständnis des historischen Jesus aus Nazareth verankert zu sehen. Oder vielleicht doch? Die Sicht des ältesten Evangelisten auf Jesus aber wird jedenfalls konsequent ausgeklammert oder
sinnwidrig vereinnahmt, wie zu sehen war.

Es ist von dieser theologischen Kammer somit auch nicht zu erwarten, dass sie zur geplanten
Neuherausgabe der Lutherbibel auf eine bestimmte Textänderung Luthers aufmerksam machen wird. Sie findet sich in seiner Übersetzung der „Bergpredigt“ Jesu : Die Aufforderung zur Feindesliebe ist dort von Jesus mit der Perspektive versehen: „...damit ihr Söhne seid eures Vaters im Himmel“ (Matthäus 5,45). Bei Luther heißt es dagegen: „...damit ihr Kinder seid...“, womit er den griechischen Originaltext verändert hat. Ein schlichtes Versehen kann das nicht sein. Es wird aber plausibel als Wahrung der Exklusivität Jesu als Sohn Gottes im Sinne des Trinitätsdogmas. Martin Luther als Bibelübersetzer im Jahre 1520 kann man dies als ein theologisch verantwortungsbewusstes Vorgehen noch zugestehen. Dass aber die offizielle Revision der Lutherbibel im Jahr 1984 die Änderung nicht korrigiert hat (auch abweichend von der korrekten katholischen „Einheitsübersetzung“!), - ein solcher Vorgang im 20.Jahrhundert lässt sich auch als eine Textfälschung bezeichnen. Es verträgt sich offenbar nicht mit der kirchlich dominanten Theologie, dass für Jesus nach Matthäus alle Menschen Söhne (bzw. Töchter) Gottes sind bzw. werden können.


„Ein Spuk ohne Wirklichkeit“

Auch die EKD -Kammer müsste dies sich selber ernst nehmend für ausgeschlossen erklären. Denn nach ihr wird ja unter Verweis auf Paulus (Gal. 4,4f.) nur durch die Selbstopferung Gottes am Kreuz und den Glauben an deren Schuldbefreiung menschliche Gotteskindschaft möglich. Dass bei Matthäus Anderslautendes zu finden ist, ist dem „sehr gründlichen Blick in die biblischen Texte“ wohl entgangen. Oder aber man kann und will nichts damit anfangen, weil die Bindung an die eigenen dogmatischen Vorentscheidungen es nicht zulässt. Es geht ja um ewiges Heil. Und deshalb heißt es: „Auch nicht das Kreuz eines normalen Menschen Jesus von Nazareth könnte eine so weitreichende Bedeutung haben“. Wenn da aber Gott selbst war, war er denn dann nicht auch in der Verkündigung des Nazareners? Oder war dieser erst als er ans Kreuz geschlagen wurde kein „normaler Mensch“ mehr? Mit den innertrinitarischen Beziehungen ist es eben auch ein Kreuz für den barthianischen Dogmatiker: Wenn die Kreuzigung Jesu tatsächlich nur eine Inszenierung Gottes, des Vaters, mit sich selber als Gott, dem Sohn, war, dann besteht die Kritik des katholischen Theologen Hans Urs von Balthasar nämlich zu Recht, das Ganze sei „ein gespenstischer Spuk ohne Wirklichkeit“.

Der EKD-Text wird deshalb auch nicht leisten, wozu er vorgeblich verfasst wurde. Dazu heißt es: „Die Ausarbeitung hat den Charakter einer Orientierungshilfe; sie ist ganz bewusst für breitere Kreise geschrieben worden. Ein theologisches Memorandum für Expertinnen und Experten möchte sie nicht sein“. Zu diesen zählt sie unverkennbar auch gar nicht die Vertreter der theologischen Kritik an der Deutung des Todes Jesu als Sühnopfer, die im letzten Jahrzehnt breit und stetig gewachsen ist. Es kann also nur die Belehrung von „Laien“ ein sinnvolles Ziel sein. Ein weithin aussichtsloses Unterfangen dürfte das allerdings sein. Denn es ist wohl davon auszugehen, dass repräsentativ ist, was der Schriftsteller Bernhard Schlink in Heft 6/2008 des Magazins chrismon formuliert hat: „Ich teile die Sehnsucht nach Vergebung und verstehe die Vorstellung eines vergebenden Gottes. Aber warum lässt Gott, wenn er uns vergeben will, seinen Sohn ans Kreuz schlagen? Warum vergibt er uns nicht einfach?“. Auf diese Frage wird Schlink im „Grundlagentext“ der EKD keine Antwort finden. Es sei denn die, Gott habe das aus Liebe getan, genauer: aus Selbstliebe.

Zuletzt geändert am: 04.09.2017 um 09:53

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