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Unser so einfacher Glaube

26.04.2016
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Christian Greiff:

Unser so einfacher Glaube

„Die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht“.
Der Geist Gottes ist bei dem Werden des Kosmos ganz nahe dabei, es ist Gott selbst, er läßt Materie und Licht entstehen. So beginnt das Alte Testament. Und im Neuen Testament sagt Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht. In ihm war das Leben“. Gott wirkt im Anfang von allem als Wort, als Logos, als Geist, als ein Inbegriff von Möglichkeiten, die dazu drängen, Gestalt zu werden. Und die vielen Gestalten entwickeln sich nach und nach in der großen Evolution. Gott ist Geist. Gott ist das Innerste der Evolution, die das Universum schafft. Gott ist das Leben schlechthin: „in ihm war das Leben“, im Leben ist Gott enthalten, im Leben von Pflanze, Tier und uns Menschen verspüren wir Gott unmittelbar, im weiteren Entfalten der von Beginn an gegebenen Möglichkeiten wirkt seine Schöpfung – aus sich heraus, aus dem Innern heraus, nicht von einem (fernen) Himmel her. Gott ist nicht etwas von außerhalb. Gott und die Entwicklung des Lebens bilden vom Anfang an eine Wirklichkeit. Alte mythische Bilder wie das vom königlich „im Himmel“ thronenden Gott will heutige Theologie zurücklassen, aus dem Schöpfergott des Alten Testaments wird, mit den Gedanken des Johannes, die Inkarnation Gottes in eine Welt – „und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“.
Gott als Geist bezieht uns in sein Werden und Wirken ein, das ist Gottes Liebe zum Leben. Wir erfahren dieses Wirken von Geist als das Glück, Gegenwart und Zukunft zu haben, als Glück der eigenen Kreativität, als Glück der Liebe.
Die Schöpfung der Welt geschieht als Evolution. Sie ist fortdauernde Schöpfung, Creatio continua, sie ist der Weg des Lebens durch die täglich fortdauernde Evolution. Alle Lebewesen, die für Nachkommen sorgen, sind an der Schöpfung selbst beteiligt. In der Zeugung, Geburt, Aufzucht und Erziehung geschieht im Kleinen, was durch Sternenbildung im Kosmos geschieht – der Fortgang des Lebens. So wird klar, daß alle Lebensgestalten miteinander verwandt sind, miteinander in Beziehung stehen – durch Geist und Energien, durch Liebe. Wir fühlen die Verbundenheit zu den anderen Gestalten, zu anderen Menschen über Zeit und Raum hinweg, auch mit gerade oder längst Gestorbenen. Die Lebensenergie, die in der fortdauernden Schöpfung in uns wirksam wird und durch uns hindurchgeht mit Wirkung auf andere Menschen und auf unsere Umwelt, die geht in Krankheit und Tod nicht verloren. Am Lebensende stirbt die Gestalt, in der wir und als die wir leben. Aber der Lebensgeist, in dem Gott in uns ist, als Geist und als Liebe, „aufersteht“ in eine uns unbekannte andere Gestalt des Lebens hinein. „Denkt man Auferstehung als fortdauernde Schöpfung, kann man darauf vertrauen, daß auch alles, was in einem sterblichen Leben unvollendet geblieben ist, nur gedacht erhofft und ersehnt worden ist, nicht verloren geht, sondern zu dem gehört, was ein Mensch als seinen Beitrag in die Evolution des Geistes einbringen wird“ (Klaus-Peter Jörns, „Update für den Glauben“, für dieses Zitat wie für die hier referierten Gedanken).
Alles was wir tun und denken steht im Zusammenhang mit dem großen Vorgang der Schöpfung, der Entfaltung von Geist und Liebe. Wir Menschen sind nicht Zuschauer, sondern sind selber schöpferisch. Wir gestalten die Schöpfung von Tag zu Tag mit, weil wir an Gottes Geist Anteil haben. Wir stehen in dem geistigen Strom und nehmen selber Einfluß auf den Gesamtzusammenhang, auch durch das Beten.
Beten ist geistige Tätigkeit. Das Gebet für andere schafft geistige Beziehung, eine Geborgenheit. Der einfache Satz: „Ich denke an dich“ vermittelt dann wirkliche Gegenwart, die stärkt und trägt, wenn es schwer wird.
In seinem Mondgedicht sagt Goethe: „Breitest über mein Gefild Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild Über mein Geschick“.
Ein Gebet ist Ausdruck unseres Grundvertrauens zu dem im Gesamtgeschehen „Leben“ wirkenden Geist.
Gott tritt uns ja nicht als eine Person gegenüber.
Im Johannesprolog heißt es: „Niemand hat Gott je gesehen”. Und Jörns sagte im Vortrag vom 29. 11. 2016 in München: „Von dem her, was Menschen wahrgenommen haben, bleibt „Gottes” Gestalt unbekannt und unpersönlich”.
Ein Gebet ist nicht gleichzusetzen mit Sprache von Mensch zu Mensch, die der Worte bedarf, oder doch der sichtbaren, fühlbaren Gesten. Beten ist Verbundenheit als ein Gegebenes für den Menschen. So sagt Luther in den Tischreden: „Ein Christ betet alle Zeit ohn Unterlaß; ob er gleich mit dem Munde nicht betet, doch betet das Herz immerdar, er wache oder schlafe. Denn auch das Seufzlin eines Christen ist ein Gebet; so oft er seufzet, so betet er”. Das „Reden” Gottes zum Menschen hin geschieht in wortloser Verbundenheit, ist Werben und Rufen, ständige Einwirkung auf uns durch göttlichen Geist, ist erfahrbare Mitteilung göttlicher Liebe. Ebenso geschieht das Beten des Menschen in dieser Verbundenheit und bedarf eigentlich keiner Sprache, keiner Anrede - auch wenn unser Gefühl von Dankbarkeit, von Sehnen, Angst, Schuld, Mitleid sich zu gesprochenen Worten verdichten kann.
Paulus sagt im Brief an die Römer: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt”, und verweist auf die Hilfe und Mitwirkung des göttlichen Geistes: “Der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen”.
Denkt man sich also beim Beten Gott nicht als eine Person, nicht als ein dem Menschen irgendwie Gleichendes - dann bleibt uns das, was im Lutherwort angedeutet wird mit dem stummen, selbst dem unbewußten Beten des Herzens, dem wortlosen aber vertrauens-vollen Seufzen. Woher kommt dieses Vertrauen? Aus der Erfahrung der Nähe Gottes, aus dem Schauen der Natur in ihrem stillen Werden, das zugleich ein „Reden” Gottes ist, aus dem Bewußtsein der tiefen Verbundenheit mit dem Lebensganzen, mit der göttlichen Kraft, die die Entfaltung des Kosmos und unseres Lebens bewirkt.
Man sieht den Sternenhimmel an und weiß, wie das Glühen der Himmelskörper die Elemente des Lebens erzeugt und bereitstellt, die sich dann auf dem erkaltenden Boden unserer Erde zu Pflanzen und Tieren bilden. Man mag nicht mehr singen: „Brüder - überm Sternenzelt muß ein guter Vater wohnen...”, man braucht nicht die Millionen Lichtjahre in Gedanken zu überwinden, um Gott über den Sternen zu begegnen, denn man sieht Gott ganz in seiner Nähe, im Aufblühen einer Blume, im Angesicht des Mitmenschen. Das eigene Leben ist ja Teil des ganzen göttlich geschaffenen Lebens, im eigenen Dasein lebt und entfaltet sich göttliche Schöpferkraft, Gott lebt in mir! Das Wachsen eines Charakters in dem aus Menschensicht doch langen Leben geschieht im Einklang mit Gottes Geist. In einem „guten Leben” kann man Gottes Wirken erkennen (Odermatt), kann man Gott sehen.
Wer seine Gedanken, sein Gefühl eintaucht in diese Verbundenheit mit dem gott-durch-wirkten Ganzen des Lebens, der ist dann dem Schicksal nahe, dem Glück und dem Leiden der Kreatur, dem Aufblühen und dem Sterben. Er nimmt teil. Die Verbundenheit schafft Mitgefühl. Mitgefühl, das Denken an die Mitgeschöpfe, schafft geistige Gemeinschaft mit ihnen, die sie begleitet und stärkt in Glück und in Not; wir können die Beziehungen, die wir zu Menschen, Tieren und der Natur im Ganzen haben, stärken (Jörns), auch ohne Worte oder ausdrückliche „Fürbitten”. Jedes Ich ist einzigartig, aber tief in unserem Innern sind wir eine Ganzheit und vollbringen ein Gemeinschaftswerk (Niemz), auch durch das Beten. Wir können zum Erfolg der Schöpfung das uns mögliche beitragen. Jeder Mensch ist „Quelle lebendigen Wassers”.
Das Vater-Unser-Gebet bringt in den ersten drei Bitten keine menschlichen Bedürfnisse zur Sprache, sondern eine Verbundenheit mit Gott.
Selbst die vierte Bitte um das tägliche Brot ist nicht (nur) irdischem Bedürfnis gewidmet, sondern enthält im Urtext einen tieferen Sinn, wenn in den Evangelien nicht das schlichte griechische Wort für „täglich“ gebraucht wird, sondern das geheimnisvoll neu geschaffene
Wort „epioúsios“. Sein Sinn ergibt sich aus keinem Lexikon, wohl aber aus dem Bericht bei Johannes 6,27 f., wo Jesus sagt: „Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Da sprachen sie zu ihm: Herr gib uns allezeit solches Brot“. Das heißt also: Gib uns allezeit – täglich – solch himmlisches Brot, Brot des Lebens. Und dieser Sinn steckt wirklich im Wort epioúsios, übersetzbar als „Brot, das außer (epi) seinem normalen Wesen (ousía) noch ein anderes Wesen besitzt (so Eckhard Nordhofen, FAZ vom 27. 5. 2015).

In zwei Weihnachtspredigten, gehalten 2014 in Berg und 2016 in Hamburg, hat Jörns seine Gedanken weiter entfaltet, indem er sagte:
Der geistige Strom, in dem wir seit Beginn der Schöpfung stehen, ist durch Jesus verstärkt und verdeutlicht worden. In einer seiner Seligpreisungen heißt es: „Glücklich können diejenigen sein, die Frieden stiften – sie sind Gottes Söhne und Töchter“. Aus dem einen Sohn Gottes hat Jesus die vielen Söhne und Töchter Gottes gemacht. Sie bringen Gott ins Leben, in den alltäglichen Umgang miteinander, also dahin, daß wir menschlicher, liebevoller, barmherziger, friedlicher werden – ja, es ist menschenmöglich, Gott mit uns zu bringen. Ja, das Reich Gottes ist dann keine Utopie, sondern für einen Moment schon Wirklichkeit!
Der Geist, von dem Jesus bewegt wurde, weist nur einen Weg zum Frieden: Den Weg der Nächstenliebe. Sie beginnt mit der Ehrfurcht vor dem Leben und nimmt aus der bedingungslosen Liebe Gottes zum Leben ihre Kraft. Diese Liebe ist nicht blind für die oft grausame Realität des Lebens, sie hat aber den längeren Atem und kann aushalten, daß ihr vieles nicht – oder noch nicht – gelingt. Jesus fordert, auch die zu lieben, die unsere Feinde sind, so weit soll Nächstenliebe sich dehnen. Nur sie kann die Welt verändern, ohne neues Unrecht zu schaffen. Jesus hatte die Hoffnung, daß seine Art, Mensch zu sein, sich durchsetzen wird, indem erst viele und dann unendlich viele sich zu Söhnen und Töchtern Gottes berufen lassen und einen Wärmestrom erzeugen, der von Generation zu Generation anwächst und langsam, aber sicher, zur Menschwerdung des Menschen hinführt. Der Fortgang des Lebens ist nicht automatisch, muß nicht zum guten Ende führen, es bedarf der Mitwirkung aller Geschöpfe. Es braucht die Langsamkeit und Intensität der Liebe. Gehen wir bei der Liebe in die Schule! Lernen wir auch der Evolution zu vertrauen, die noch vor uns liegt und führen wir ihr einen Wärmestrom von Geist und Liebe zu durch unser eigenes Leben, durch das, was wir denken und tun.

Beten bedeutet dann, sich diesem Strom von Geist und Liebe, der seit dem Anbeginn der Welt das Leben schafft und den Jesus uns leuchtend verdeutlicht hat, anzuvertrauen - und ihm unsere bescheidenen Kräfte zuzuführen im stärkenden Denken an andere Menschen und in mitfühlender Fürsorge für unsere Lebenswelt.

In einem Vortrag, als Buch 2013 veröffentlicht, hat Hubertus Halbfas seine Gedanken dargelegt zum neuen Verständnis unserer Religion unter dem Titel: „Der Herr ist nicht im Himmel“.
Diese Gedanken münden in einem Wort von Willigis Jäger: „Gott inkarniert sich im Kosmos. Er und seine Inkarnationen sind unlösbar miteinander verbunden. Er offenbart sich im Baum als Baum, im Tier als Tier, im Menschen als Mensch. Es sind dies also nicht Wesen, neben denen es dann noch einen Gott gäbe.“ Nach Halbfas ist „Gott“ kein Gegenüber, sondern der Grund, aus dem alles fließt, der Schoß der einen Wirklichkeit. Ganz ent-sprechend hieß es bei Jörns, Gott sei das Leben schlechthin und im Leben von Pflanze, Tier und Mensch verspürten wir Gott unmittelbar. Halbfas erinnert an Worte von Werner Heisenberg, die er 1952 in einem Gespräch äußerte. Auf die Frage: „Glaubst du an einen persönlichen Gott?“ antwortete Heisenberg: „Darf ich die Frage anders formulieren? Dann würde sie lauten: Kannst du oder kann man der zentralen Ordnung der Dinge oder des Geschehens, an der ja nicht zu zweifeln ist, so unmittelbar gegenübertreten, mit ihr so unmittelbar in Verbindung treten, wie dies bei der Seele eines anderen Menschen möglich ist? Wenn du so fragst, würde ich mit ja antworten“. Das innige Verstehen unter Menschen, von Seele zu Seele, wird hier also herangezogen, um die Begegnung mit Gott zu erläutern.
Es kam dem Naturwissenschaftler nicht darauf an, das Wort Gott zu gebrauchen. Gerade das will Halbfas uns erklären – dem göttlichen Geist sind wir nahe in unserer eigenen Lebenswelt, in den sichtbaren Lebensgestalten, es braucht dazu keinen Überbau, keine zweite überirdische Welt, keinen „Himmel“, - obwohl der Mensch seit Urzeiten und lange vor den in der Bibel bezeugten Glaubenserfahrungen die göttliche Welt in der Höhe angesiedelt hat. Der Mensch denkt und spricht in Mythen. Die christliche Religion ist voll von Mythen, vom Erscheinen der Engel bei Maria oder bei den Hirten auf dem Felde und dem Stern über Bethlehem bis zum Erdbeben bei der Kreuzigung. Die antiken Verfasser der Evangelien setzten Begriffe wie Himmel, Stern, Engel und Schöpfergott noch der Wirklichkeit gleich, es entstand und vererbte sich eine doppelte Welt von Himmel und Erde. Das Credo spricht kaum vom Leben Jesu, aber viel von seinen Bewegungen in dieser doppelten oder dreifach geschichteten Welt - ein Abstieg in das Reich des Todes, eine Auffahrt in den Himmel, ein Platznehmen auf Gottes Thron ihm zur Rechten, eine Rückkehr zur Erde als Richter über die Menschen. Nimmt man den Anfang des Menschen im Paradies und sein künftiges Leben im Himmel oder wieder im Paradies hinzu, dann versteht man, daß der religiöse Bereich inzwischen vielen Menschen als eine Märchenwelt erscheint, wie Halbfas sagt. Es geht ihm und anderen Theologen darum, das christliche Glaubens-verständnis neu zu formulieren. Das beginnt damit, daß man Mythen als Mythen erkennt. Die himmlische Parallelwelt verliert für den erkennenden Menschen an Bedeutung, an Gültigkeit. Halbfas schildert so „den Verfall einer vieltausendjährigen religiösen Tradition“ und sieht sich mit Theologen, Pädagogen und gewöhnlichen Eltern vor der Aufgabe, eine neue Denkweise und Sprache zu gewinnen.
Er verweist auf andere Denker wie Paul Tillich, der dem verlorenen „Gott in der Höhe“ das Bewußtsein unendlicher Tiefe gegenüberstellt - „Wenn ihr erkannt habt, daß Gott Tiefe bedeutet, so wißt ihr viel von ihm“. Oder auf Leszek Kolakowski, der in den Äußerungen menschlicher Liebe, Hoffnung und Glaubenshaltung eine Kraft des Mythos wirksam sieht, die nicht ersetzbar ist durch rationale Begründungen. Oder auf den Physiker Werner Heisenberg, der das Gespräch von Seele zu Seele im Gleichklang sieht mit dem Gebet.

Es geht also nicht darum, den Mythos „abzuschaffen“, der Mensch hat ein „mythisches Vermögen“, das er einsetzt zu Glaube, Liebe, Hoffnung. Aber man soll wissen, was mythische Rede ist, die dem Menschen durchaus zukommt, die aber nichts aussagt über die Wirklichkeit, in der wir leben. Darum, wie anfangs gesagt, Gott ist „nichts von außerhalb“, er ist uns nahe, ist erfahrbar in der „unendlichen Tiefe“ unseres Seins, lebt in dem geistigen Strom der Schöpfung und Menschwerdung, der durch uns hindurchgeht und durch uns selber wirken kann, und schafft die Verbundenheit von allem.

Ein Gedicht der Teresa von Avila (1515 – 1582):
„Gott spricht: O Seele, suche dich in mir, und, Seele, suche mich in dir...
Und wenn dein Sehnen mich nicht findet, dann such' nicht dort und such' nicht hier:
Gedenk, was dich im Tiefsten bindet, und, Seele, suche mich in dir“.

Ein solcherart neu gefaßter, aber eben wirklich christlich bleibender Glaube, ein auf der begeisternden Jesusbotschaft aufbauender Glaube, der mythische Anschauungen einer zweiten überirdischen Welt ausblendet und dadurch „einfach“ wird, dadurch dem heutigen Menschen einfacher erscheinen muß, der wissenschaftliches Denken mit dem Glauben zu vereinbaren weiß - gibt mir Grund zu Zuversicht für unsere gesellschaftliche Entwicklung. Denn dann braucht man nicht zu trauern über das klein und kleiner werdende Häuflein der sonntäglichen Kirchenbesucher, über die rapide schmelzenden Zahlen von Kirchenmit-gliedern. Eine an Dogmatik und alten Liturgien und vielfach nicht mehr verstandenen Liedertexten festhaltende Kirche ist zwar immer noch Heimat für Menschen, die in der Tradition leben, aber gewinnt sich kein „Kirchenvolk“ mehr. Wenn wir aber das Volk, unser deutsches Volk auf Religiosität hin befragen würden, würde man sicherlich gute Antworten erhalten. Man hat so zum Beispiel schon gefragt: Kannst du beten? Man könnte fragen: Fühlst du eine Macht in deinem Leben, die größer ist als du selbst, der du dankbar bist für Gutes, vertrauend in Not?
Hubertus Halbfas sagt in seiner 2015 erschienen Autobiographie, nach 55 Jahren der Bemühungen um Religionspädagogik in Theorie und Praxis: „Ich kann nicht sagen, die Menschen seien in diesen Jahrzehnten weniger religiös geworden. Sie wurden lebendiger und wacher, suchen eigenständiger, lassen aber auch leichter eine Tradition hinter sich, mit der sie ihre eigenen Fragen und Erfahrungen nicht mehr verbinden können“ (S. 407).

Unser der Dogmatik abgeneigter, aber so seelenkundige Dichter Goethe hat seine, wohl den meisten zugängliche Religion ausgedrückt als „die Empfindung, daß der Mensch von höheren Wesen nicht ganz verlassen sei, daß sie ihn vielmehr im Auge haben, an ihm teilnehmen und in der Not ihm helfend zur Seite sind. Dieser Glaube ist etwas so Natürliches, daß er zum Menschen gehört, daß er einen Bestandteil seines Wesens ausmacht und, als Fundament aller Religion, allen Völkern angeboren ist“ (Gespräch mit Eckermann am 15. März 1831). Und in der Marienbader Elegie von 1823 spricht Goethe:
„In unsers Busen Reine wogt ein Streben, Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben, Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißens: fromm sein!“
Ist das die richtige Auffassung – Gott ungenannt zu lassen? Um nicht in althergebrachten, nun leicht kindlich erscheinenden Worten, Begriffen zu denken? Oder kann der Christ sich nicht doch als „Gotteskind“ wissen und einfach Vater sagen?
Jörg Zink gibt uns die Freiheit der Wahl für unser religiöses Leben („Unter dem großen Bogen. Das Lied von Gott rings um die Erde“, Seite 321), indem er sagt: „Wir haben, das ist gewiß, Recht damit, daß wir uns Gott als das große Du, das große Gegenüber, als Person vorstellen. Wir haben ebenso Recht damit, daß wir uns Gott als eine unendliche, grundlose Tiefe denken oder auch als eine Art von kosmischem Atem oder Element wie das Feuer oder das Licht. Also eine Art allgegenwärtiger Mächtigkeit, aus der wir kommen, in der wir leben, die in uns ist und aus der uns zu entfernen wir keine Möglichkeit haben.“

Wenn wir an einen kosmischen Atem, oder an den in der Evolution wirkenden Gottesgeist denken, dann verschwinden manche Probleme. Wer ein Feld bestellt und Saat ausbringt, vertraut auf die immanente Kraft der Natur – der Samen wird aufgehen und Frucht tragen, es wird regnen. Es hat aber keine Wirkung und keinen Sinn, wenn der Mensch einen Gott um Regen bittet. Es ist kein Regent da, der „allmächtig“ in das Naturgeschehen eingreifen wird und damit die oft sich widersprechenden Wünsche einzelner Menschen erfüllt.
Im Gebet weiß der Bauer sich mit Geist und Liebe Gottes verbunden und wird das Nötige tun, um selbst sein Leben und das seiner Mitmenschen zu gestalten und den Acker zu pflegen.
Wenn ein Sturm oder eine Flut oder ein Vulkanausbruch Häuser vernichtet und Pflanzen, Tier und Menschen tötet, dann wird der klug gewordene Mensch nicht sagen: Wie konnte Gott das zulassen? „Gott ist nicht von außerhalb“, er wirkt in der gesamten Schöpfung, und zu der gehören Sturm und Fluten und die glühende Schicht unter der Erdoberfläche not-wendig dazu. In der Schöpfung gibt es Untergang von Leben – aber auch Aufblühen neuen Lebens solange die Erde steht! Und wenn nun der Astronom sagt, die Erde habe etwa die Hälfte ihres kosmischen Lebens erreicht und werde dann verglühen in der sterbenden Sonne? Dann gibt es doch noch einen tröstenden Gedanken: „Keine Sonne, kein Planet besteht für immer. Und dennoch wird am Morgen jenes Tages, an dem alles Leben auf der Erde erlischt, neues Leben gezeugt werden“, sagt der Physiker Markolf Niemz.

Es war in unserer Religion also eine doppelte Welt von Himmel und Erde entstanden, die heutige Theologen zurückführen möchten auf die eine uns erkennbare Wirklichkeit, in der Gott nicht mehr „im Himmel über uns“, sondern zusammen mit uns, „in uns“ und allen Schöpfungsgestalten lebt. Weiterdenkend kann es dann auch nicht eine Auferstehung der Menschen „zum Leben bei Gott im Himmel“ geben.
Das Wort Auferstehung ist mit alten Bildern verbunden, die wir vor uns sehen – am Jüngsten Tage steigen die Toten aus ihren Gräbern hervor zu weiterem, ja zu ewigem Leben. Die frühe Christenheit wußte nun schon, daß der Mensch nicht mit seinem sterblichen Körper wieder zu Leben erwacht, sondern glaubte, daß er „verwandelt“ werde und einen neuen, geistlichen Leib erhalte: „Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden“ schreibt Paulus an die Korinther. Nun ist auch das ein Mythos, eine religiöse Redeweise, um auszudrücken, daß der Mensch mit Gott verbunden ist und bleibt. Oben wurde ja gesagt: Am Lebensende stirbt die Gestalt, in der wir und als die wir leben, aber der Mensch vermag einen Beitrag zu leisten in die fortdauernde Schöpfung hinein, in die Evolution des Geistes, wir können der Evolution einen Wärmestrom von Geist und Liebe zuführen durch das, was wir denken und tun. Wir können das, weil Gottes Geist in uns und durch uns hindurch wirksam ist. Dieser Geist schuf die Welt „vor Ewigkeiten“, er erweist sich als ewig, da er göttlich ist, und da wir daran teilhaben, ein Teil dieser großen Energie sind, da wir für unsere Lebenszeit eine Verwirklichung, eine Gestalt dieser Energie sind, deshalb bleiben auch wir erhalten im Strom der creatio continua, wenn unser Leben endet. Jörg Zink spricht von „Allgegen-wärtiger Mächtigkeit, aus der wir kommen, in der wir leben, die in uns ist und aus der uns zu entfernen wir keine Möglichkeit haben“ - da braucht es keine „Auferstehung“.
Heinz Zahrnt sagt ähnlich: „Das ewige Leben des Einzelnen bedeutet nur eine Teilhabe an dieser Universalität der göttlichen Liebe“ (Wozu ist das Christentum gut S. 214).
Und Jörns schreibt: „Alle, die etwas tun, was wesentlich und tief ist, wirken mit an der Entfaltung des Geistigen, vermehren den Sinn. Damit tragen sie zum Leben bei, was sie beitragen können, und sie sind im Gesamtkunstwerk aufgehoben und somit unvergänglich.“

Wie heißt es schon im alten Text der Offenbarung des Johannes (14, 13) ?
„Ihre Werke folgen ihnen nach“. Ihnen, das sind die Toten, die „in dem Herrn sterben“.
Sie „ruhen von ihrer Arbeit“ des Lebens aus – das ist genug, sie sind ja „selig von nun an“.
Diese Worte hat Brahms an das Ende seines großen Werks „Ein deutsches Requiem“ gesetzt, und hat sie eingebettet in wahrhaft tröstende, in den Kosmos ausgreifende Harmonien. Die Bibelworte lauten ( in der schönen, noch nicht durch Revisionen abgeänderten Luthersprache): „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach“.

Es wurde gesagt, die Lebensgestalten sind miteinander verbunden, wir fühlen die Verbundenheit mit den anderen Gestalten, mit anderen Menschen über Zeit und Raum hinweg, auch mit den Gestorbenen. Ihr Wesen ist noch wirksam.
Wenn ich eine Mozartmelodie höre, einen Goethevers lese, diese großartigen „Beiträge“ zur Menschenentwicklung, dann bin ich mit diesen Menschen verbunden, ihr „Wesen“ ist für mich da, ja es ist, als könnten wir ihnen auch jetzt noch unseren Dank zuwenden.
Aber es geht nicht nur um die großen Werke. Jörns sieht Auferstehung, oder besser Fortleben, als fortdauernde Schöpfung, in der auch „alles, was in einem sterblichen Leben unvollendet geblieben ist, nur gedacht erhofft und ersehnt worden ist, nicht verloren geht, sondern zu dem gehört, was ein Mensch als seinen Beitrag in die Evolution des Geistes“ einbringt.
Ein Brief der toten Eltern überträgt deren Liebe auch jetzt noch auf mich, wir sind verbunden durch den nicht endenden göttlichen Strom von Geist und Liebe, in dem wir alle stehen. Sie sehen mich an.
Jesus von Nazareth lebte als Mensch unter Menschen und wurde zur besonders hell sichtbaren Gestalt göttlichen Geistes, sein Beitrag zur Entwicklung, zur Menschwerdung des Menschen ist immens, unmeßbar, sein Beitrag wirkt fort über die Zeiten, sein Wesen ist uns erfahrbar in dem nicht endenden göttlichen Strom von Geist und Liebe, er lebt für uns, wir sehen sein Antlitz (Eugen Biser); wir dürfen ihn bitten, unser Gast zu sein als unser Bruder.
Eugen Biser durfte 2003 in einer umfangreichen Sendereihe des Bayrischen Fernsehens unter BR alpha die Essenz der in seinen 150 Büchern ausgebreiteten Lehre erläutern.
Er sagte, der Glaube kann sich wandeln weg von Dogmen und Bildern und hin zur Innenwelt, zur Innerlichkeit, zum Bewußtsein, nie ganz allein gelassen zu sein, sondern geborgen („Von guten Mächten treu und still umgeben...“ Bonhoeffer) und gehalten in der Sphäre des auferstandenen Christus, die den Menschen umhüllt und die ganze Welt. Die neue Theologie, die er entfaltet hat, ist schon ein Teil dieses Wandels, doch ist das Christentum noch nicht fertig, es ist auf dem Weg zu sich selbst und kommt, wie Biser meint, wohl nie ans Ende.

Ein sichtbarer Schritt auf dem Weg zu einem Glauben, der das von Jesus aufgedeckte neue Gottesbild vom väterlichen Gott der vorbehalt- und bedingungslosen Liebe ernst nimmt, der nichts mehr weiß von alttestamentlichem Zorn Gottes, von Strafe und Gericht, von Angst erregender Sündenverkettung des Menschen und notwendiger Erlösung durch ein Sühneopfer, erbracht von Jesus durch sein Sterben am Kreuz – das ist das Abendmahl, wie es unter neuer katholisch- und evangelisch-theologischer Führung neu gestaltet wurde und nun in einigen deutschen Gemeinden gefeiert wird.
Wenn Jesus im Vater-unser-Gebet vom himmlischen, unvergänglichen Brot spricht, dann klingt das Abendmahl an. Bei Johannes heißt es im 6. Kapitel: „Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben. Die wird euch der Menschen-sohn geben“. Und beim Abendmahl geschieht das wirklich. Jesus bricht den Jüngern das Brot, und das nicht zur Sättigung, es geschieht ja nach dem Essen des Passalamms, sondern zum Zeichen des Heils und der fortdauernden Gemeinschaft mit ihm.
Die Tischgemeinschaft, zu der Jesus immer wieder alle, gerade die „mühselig und beladenen“ Menschen eingeladen hat, war sein wichtigstes Zeichen für das Reich Gottes, das nun unter den Menschen begann aufzuscheinen.
Beim „frühchristlichen Abendmahl“ der evangelischen Gemeinde in Dießen am Ammersee spricht Jesus die Worte:
„Nehmt und esset Brot des Lebens aus meinen Händen“, und
„Nehmt und trinket die Frucht des Weinstocks, die Liebesgabe Gottes“.

Das Reich Gottes ist gläubige Hoffnung auf Teilhabe an der göttlichen Liebe und an der göttlichen Ewigkeit – und kann schon jetzt in einem liebevollen menschlichen Umgang Wirklichkeit werden, wird in der Feier des Abendmahles in der christlichen Gemeinschaft gespürt und erlebt.
Ein solches paradiesisch gemeintes Bild finden wir im Neuen Testament. Johannes stellt es uns in poetischer Ausgestaltung vor Augen in Kapitel 12, Vers 1-3:
Jesus sitzt zu Tisch mit seinen Jüngern, darunter Johannes, „der Jünger, den Jesus liebhatte“. Um Jesus geschart sind drei, von denen es gerade vorher geheißen hat: „Jesus aber hatte Marta lieb und ihre Schwester und Lazarus“, den von den Toten auferweckten Bruder von Marta und Maria. Beim Mahl nimmt Maria köstliches Salböl und salbt Jesu Füße und trocknet sie mit ihrem Haar – das Haus aber wird erfüllt vom Duft des Öls!
Also ein Bild von Liebe und Gegenliebe und überirdischer Festlichkeit.


Dr. Christian Greiff Dießen am Ammersee Januar 2017


 

 

Zuletzt geändert am: 20.02.2017 um 22:16

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