Anmeldung
Benutzername:

Passwort:



Haben Sie Ihre Zugangsdaten vergessen?

Besucher gesamt: 120.219
Besucher heute: 4
Besucher gestern: 63
Max. Besucher pro Tag: 139
gerade online: 2
max. online: 36
Seitenaufrufe gesamt: 1.804.356
Seitenaufrufe diese Seite: 628
counter   Statistiken

 



Schrift:    Drucken    

Aktuelles

 

Unterstützen, mitwirken, mündigen Glauben gestalten?
Dann Mitglied werden bei der Gesellschaft für eine Glaubensreform!

Zum Anmeldeformular: hier klicken!


 


Über Bonhoeffer hinaus

19.01.2016
Aktuelles >>

  Über Bonhoeffer hinaus


Jesus: Erste Worte:
„Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist genaht;
Tut Buße und glaubt an das Evangelium!
Kommt her, mir nach!“ (1, 15-16)

Letzte Worte:
„Elohi, Elohi, lama sabachthani?
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (15, 34)

(Nach dem Markus-Evangelium.
Übersetzungen: Zwingli-Verlag)

Ich lebe gerne mit dem Geheimnis, das man Gott nennen mag.
Dietrich Bonhoeffers überraschende Hilfe

Mein Weg
Aufgewachsen in einer mittelfrommen Familie, groß geworden in einem pommerschen Dorf mit evangelisch-preußischer Prägung, begann ich 1949 mit dem Studium der Theologie. Jesus und die ganze Bibel bekamen ein neues Gesicht. Historisch-kritische Forschung wirkte zunächst irritierend, dann aber allmählich befreiend. Nach fast 30 Jahren im Pfarramt konnte ich im Ruhestand offenen Fragen nachgehen. Dankbar lernte ich von den ungezählten Theologen, die mit mir nach der dringend notwendigen Reform suchen.

1951 schenkte mir meine spätere Frau das gerade erschienene Buch „Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft“ von Dietrich Bonhoeffer. Es hat mich als Studenten, Pastor und Ruheständler immer neu fasziniert und angeregt. Jetzt will ich aufschreiben, wie und wohin er mich mit den Briefen und Gedichten aus den letzten Monaten seines Lebens bewegt hat.
Unübersehbar liegt im Verlauf seines Schreibens zwischen dem 22. und dem 30. April 1944 eine Zäsur. Bonhoeffer selbst ist offenbar tief bewegt. An seinen Freund Eberhard Bethge schreibt er, er brauche sich um ihn keine Sorgen zu machen; „.. es geht mir unverhältnismäßig gut, und Du würdest Dich wundern, wenn Du mich besuchen kämest.“ „Unverhältnismäßig gut“ bezieht sich meines Erachtens nicht (nur) auf die Situation im Gefängnis, sondern - erkennbar an dem Engagement und der 'Begeisterung', aus der heraus er das Folgende schreibt, - mehr noch auf seine ihn befreienden, tief greifenden Gedanken. Zu diesen fügt er auch gleich noch an: „Sorgen machen würden Dir höchstens meine theologischen Gedanken mit ihren Konsequenzen.“ - Niemand kann sagen, wie Bonhoeffer selbst weiter gedacht hätte, auch ich natürlich nicht. Daß ich aber von ihm einen starken Anstoß für mein gegenwärtiges Fazit bekam, darf ich sagen.

Historisch: Evolution des Glaubens
Bonhoeffer nennt (30.4.) die zentrale Frage, die ihn „unablässig bewegt“, nämlich „was das Christentum oder auch wer Christus für uns heute eigentlich ist.“ Die Zeit der Religion, der Innerlichkeit und des Gewissens sei vorüber. „.. die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein.. Unsere gesamte 1900jährige christliche Verkündigung und Theologie aber baut auf dem 'religiösen Apriori' der Menschen auf.“ So folgt die Frage, was es für das Christentum bedeute, wenn dieses Apriori nur „eine geschichtlich bedingte und vergängliche Ausdrucksform des Menschen gewesen ist.. Unserem ganzen bisherigen 'Christentum' wird das Fundament entzogen“...Was, wenn „die westliche Gestalt des Christentums nur als Vorstufe einer völligen Religionslosigkeit“ zu beurteilen ist? – Am 8.6. fragt er nicht mehr, sondern stellt fest: „Die etwa im 13. Jahrhundert ..beginnende Bewegung in der Richtung auf die menschliche Autonomie .. ist in unsrer Zeit zu einer gewissen Vollständigkeit gekommen. Der Mensch hat gelernt, in allen wichtigen Fragen mit sich selbst fertig zu werden ohne Zuhilfenahme der 'Arbeitshypothese: Gott'... Seit etwa 100 Jahren gilt das aber in zunehmendem Maße auch für die religiösen Fragen; es zeigt sich, daß alles auch ohne 'Gott' geht, und zwar ebenso gut wie vorher.
Die zum Bewußtsein ihrer selbst und ihrer Lebensgesetze gekommene Welt ist ihrer selbst in einer Weise sicher, daß uns das unheimlich wird.“ - Am 16.7. schließlich lesen wir, und es klingt wie ein Resümee: „Es ist eine große Entwicklung, die zur Autonomie der Welt führt.“ 12 große Namen aus der Spanne vom Mittelalter bis zur Neuzeit nennt und kommentiert er, um zu folgern: „Gott als moralische, politische, naturwissenschaftliche Arbeitshypothese ist abgeschafft, überwunden;..“ - diese Wissenschaften haben bewiesen, daß der Mensch auch autonom, mit sich selbst fertig wird; die Kirchen kämpften vergeblich dagegen an, - als Bonhoeffer seinen Satz fortführt, (abgeschafft, überwunden:) „ ebenso aber als philosophiche und religiöse Arbeitshypothese (Feuerbach!)“, hört er offenbar schon den Protest: Wiederholt mahnt er die notwendige Redlichkeit an, die intellektuelle., die innere und – hervorgehoben – die letzte Redlichkeit. „Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis, ..Gott gibt uns zu wissen, daß wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verläßt (Markus 15,34)“. Die Bibelstelle ist im Brief nachträglich hinzu gefügt. (Siehe auch unten!)

Biblisch: Reich Gottes statt Erlösung von Weltlichem
Mit einem Bild umschreibt Bonhoeffer gleich im Anfang seiner neuen Gedanken (30.4.), wie er die Bibel gelesen wissen will: „Gott ist mitten in unserm Leben jenseitig. Die Kirche steht nicht dort, wo das menschliche Vermögen versagt, an den Grenzen, sondern mitten im Dorf. So ist es alttestamentlich und in diesem Sinne lesen wir das Neue Testament noch viel zu wenig vom Alten her.“ Fünf Tage später stellt er die ihn ins Zentrum führende Frage: „Gibt es im Alten Testament die Frage nach dem Seelenheil überhaupt? Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt von allem?“ Im Brief vom 27.6. stellt er fest, der Glaube des AltenTestaments sei „im Unterschied zu den andern orientalischen Religionen“ keine Erlösungsreligion und fragt, ob nicht ein kardinaler Fehler darin liege, daß Christus nicht vom Alten Testament, sondern von den Erlösungsmythen her interpretiert wird. „Das Schwergewicht fällt nun auf das Jenseits der Todesgrenze.. Erlösung heißt nun Erlösung aus Sorgen, Nöten, Ängsten und Sehnsüchten, aus Sünde und Tod in einem besseren Jenseits.“ Eberhard Bethges Hinweis auf die Angst Christi (23,1.) und sein eigenes Fragen nach dem Gebet in der Not mit der Erinnerung an Ps.50 „Rufe mich an in der Not, so will ich Dich erretten, so sollst Du mich preisen“ (29.1.) liegen weit zurück, scheinen abgetan. Ja, die Bittgebete werden als ein religiöses „Erlösungsziel“ banalisiert. Für ihn gilt im „Mittelpunkt von allem“ am 18.7.: „Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben. Das ist metanoia [Buße], nicht zu erst an die eigenen Nöte, Fragen, Sünden, Ängste, denken, sondern sich in den Weg Christi mithineinreißen lassen, in das messianische Ereignis, daß Jes. 53 nun erfüllt wird!“ Den Nöten.. bis zu Schuld und Tod setzt Bonhoeffer aus dem Gethsemane-Geschehen entgegen: “'Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?' .. Das ist die Umkehrung von allem, was der religiöse Mensch von Gott erwartet. Der Mensch wird aufgerufen, das Leiden Gottes an der gottlosen Welt mitzuleiden.“ Im Gedicht „Christen und Heiden“ sind diese Gedanken großartig aufgenommen.


Ich: Meine gegenwärtige Theologie

[Vorweg: Bei aller Hochachtung vor der alten und der gegenwärtigen Theologie der Kirche, - für mich ist das ganze 'Konstrukt' um Gottperson, Gottessohn und Opferlohn zusammengebrochen. Dabei ist Jesus Mensch und Bruder, nicht mehr und nicht weniger. Aber das „Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“ behalten ihre Bedeutung, befreien uns und fordern uns heraus.]

Bonhoeffer bezieht sich wiederholt auf zwei Theologen seiner Zeit. 1.) Karl Barth: Der habe als einziger in Richtung Kritik der Religion zu denken angefangen, habe dann aber diese Gedanken
„doch nicht durchgeführt und durchdacht“. (30.4.und 5.5.) 2.) Rudolf Bultmann: Er spricht dessen „Entmythologisierung“ an und schreibt dazu seine Meinung, „daß er nicht 'zu weit', wie die meisten meinten, sondern zu wenig weit gegangen ist.“ Bonhoeffer will also mehr. Er hat sich auf die Suche gemacht und ich suche nun auf meine Weise (mit ihm?). Würde er diesmal urteilen: „zu weit gegangen“? (Und was werden meine heutigen Mittheologen sagen? Sie bitte ich zu beachten, daß alle Evolution langsamer geschieht als wir in der Regel denken, daß in ihr 2000 Jahre sind, was in unserer Vorstellung nur eine 'Nachtwache' war.)

Ich sehe Bonhoeffer auf dem Weg einer „Prozeßtheologie“. Prozeß bedeutet hier: Der einzelne Mensch, geboren und zunächst total abhängig von der Mutter, entwickelt sich im Heranwachsen über Reifungsstufen bis hin zum autonomen erwachsenen Menschen; ebenso gibt es auch für die Menschheit eine Entwicklung: Vom Instinkt her führt der Weg über Bewußtsein, Selbstbewußtsein und dauernde Veränderungen bis zu uns, dem Homo sapiens. Man kann diese lange – angenommen 2 Millionen Jahre dauernde - Zeit in Stufen teilen; in ihnen verändert sich immer wieder auch das Empfinden, die Erfahrung, das Denken, alles, was wir zum „Religiösen“ zählen. Bonhoeffer prüft die Periode unseres Christentums auf den Status einer „Vorstufe“ und findet diese bestätigt: Ein „religiöses Apriori“, „geschichtlich bedingt und vergänglich“, weicht einer „völligen Religionslosigkeit“. Philosophen, Wissenschaftler, Politiker rechneten und wirkten lange Zeit mit Gott, oder doch mit einer Arbeitshypothese Gott, jetzt aber geht es ohne ihn; die Welt ist „zum Bewußtsein ihrer selbst und ihrer Lebensgesetze gekommen“. „Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verläßt (Markus 15,34)!“ Diesem Satz in diesem Zusammenhang fügte er, wie wir erfahren: nachträglich das Bibel-Zitat hinzu. Was mag in ihm vorgegangen sein, als er unsere Verlassenheit in der Gegenwart mit der Verlassenheit Jesu verband? Wie hängen die beiden zusammen?

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?“? Zu diesem Schrei sagt Martin Luther (ins Deutsche übersetzt): „ ... wo er als wie sich selbst widersprechend schreit, er sei von Gott verlassen, und nennt doch Gott sein und bekennt damit, er sei nicht verlassen. Denn keiner sagt zu Gott 'Mein Gott', der ganz und gar verlassen ist.“ - Was aber meint dieses „Nicht-ganz-und-gar“? „Ein bisschen nur“? Das wäre zu simpel und im Blick auf den Sterbenden unmöglich. Als „zeitweise so empfunden“ habe ich es lange Zeit eingeordnet, denn Gott war ja um des Sühnopfers willen bei dem Sohn. Inzwischen aber entfällt diese Deutung. Es bleibt die teilweise Verlassenheit: Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verläßt.

Ich sehe Jesus auf Grund einer mystischen Erfahrung bei seiner Taufe in die Öffentlichkeit gehen. (Für Bonhoeffer ist die Mystik noch tabuisiert. 18.12.43) Das „Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“ soll er verkünden und es wird sein Lebens- und Sterbens-Inhalt. Er geht von Ort zu Ort, wendet sich in großer Liebe den Menschen zu, rührt sie mit seiner Predigt an, lädt jeden zum Mahl, heilt viele von ihren Krankheiten; er scheut auch nicht das gefährliche Jerusalem, als Petrus ihm das Leiden dort ersparen möchte, fährt er den Freund heftig an, er sinne, was menschlich ist; in Gethsemane bittet er den Abba, den Kelch an ihm vorüber gehen zu lassen, hat er ihm doch immer und überall in der Not geholfen; am Kreuz trifft ihn der, wie er meint!, berechtigte Spott der Vorübergehenden und er schreit seinen Schrei: Mein Gott, mein Gott!

Der Gott, der mit ihm war, war der Gott, der ihn „verließ“. Jesus, der - mit Bonhoeffer gesprochen - „religiöse“ Mensch seiner Zeit, erlebt dies als schmerzhafte 'Operation': Ihm wird sein so starkes Gottesbild, der „Vater“ genommen! Gott bleibt, aber den Vater, mit dem Jesus immer als seinem Mitstreiter gerechnet hatte, gab und gibt es nicht. Unmöglich wäre für ihn der Gedanke gewesen daß „alles auch ohne 'Gott' geht, und zwar ebenso gut“. Noch befindet er sich in der Periode des „religiösen Apriori“, in der der Mensch sich als so von Gott abhängig sieht, wie das neugeborene Menschenkind faktisch auf seine Mutter angewiesen ist. Für Jesus selbst ist das Vergängliche an der religiösen Vorstellung nicht erkennbar, er macht es erst durch sein Leiden, Sterben und das Bekennen der Verlassenheit für die Menschheit offenbar. Auch Paulus und die anderen Christen verstehen den Vorgang falsch. Um sich aus ihrer Ratlosigkeit zu retten, bedienen sie sich der in der Evolution des Glaubens längst überwundenen Opfer-Vorstellung. Uns nun ist es durch die Aufklärung und die entsprechend distanzierten Menschen erklärt. Uns ist es gegeben, Jesu unvorstellbares Leiden und darin sein eigentliches Werk für die Menschheit zu würdigen. Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit sind jetzt wichtiger als Religion.
 

Zuletzt geändert am: 04.09.2017 um 09:54

Zurück

 

© 2017 Gesellschaft für eine Glaubensreform e.V.
| Seite zuletzt geändert am: 10.12.2017, 19:13 von Administrator |