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Reform der Reformation. Ein Beitrag von Dr. Wolfgang Mölkner

12.07.2016
Aktuelles >>

Protestantismus kommt von Protest. Diesen provoziert der Grundlagentext der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), der als vorbereitende Schrift für das Jubiläum „500 Jahre Reformation 2017“ dient. Zu protestieren ist nicht aus Glaubens-, sondern aus Vernunftgründen.
Erstens behauptet der Grundlagentext (GT), Luthers Rechtfertigungslehre könne „mit dem Stichwort Freiheit erläutert werden“. Diese Auffassung kommt bereits im Titel zum Ausdruck „Rechtfertigung und Freiheit“. Aber Luther ist kein Verfechter der Freiheit, selbst wenn er „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ spricht. Diese Freiheit meint Sündenfreiheit und kann nicht im Sinne modernen Freiheitsverständnisses interpretiert werden. Mit Vehemenz bestreitet Luther die Freiheit des Willens wie beispielsweise in „De servo arbitrio“ (Vom knechtischen Willen).
Zweitens hinterlässt der Text den Eindruck, als würde Luthers Rechtfertigungslehre wie ein evangelisches Grundgesetz heute noch in unverändertem Sinne gelten. So entwickelt der GT eine Art Rechtfertigung der Rechtfertigungslehre. Stattdessen wäre das Jubiläum eine begrüßenswerte Gelegenheit zur Reform der Reformation, die wesentlich auf der Rechtfertigungslehre beruht. Luthers Exklusivformeln „sola scriptura“, „sola fide“, „sola gratia“ (allein durch die Schrift, allein durch den Glauben, allein durch die Gnade) sind bekanntlich in polemischer Absicht aus dem Streit mit der römischen Machtkirche entstanden. Der Streit zwischen den Kirchen ist inzwischen friedlicher Koexistenz gewichen. Dennoch vertritt der Text einen überzeitlichen Wahrheitsanspruch, auch nach 500 Jahren. Zwar ist man bemüht, die Exklusivformeln in ein heutiges Sprachgewand zu kleiden, aber man verspielt die Chance zu einer Reform der Reformation.
Wenn die EKD die Rechtfertigungslehre in den Mittelpunkt ihres Gedenkens rückt, aktualisiert sie ein mittelalterliches Menschenbild. Luther begreift die Briefe des Apostels Paulus als zentrale Mitte der biblischen Botschaft. Die vier Evangelien verlieren dadurch an Bedeutung. Rechtfertigung hat bei Paulus strafgerichtlichen Sinn. Rechtfertigung setzt Anklage voraus. Wer ist angeklagt? Der Mensch als solcher. Wessen ist er angeklagt? Er sei wegen Adams Sündenfall in grundsätzlicher Weise Sünder. Auf ihm laste die Erbsünde als Makel der Menschheit. Wie kann sich der Mensch verteidigen? Überhaupt nicht, denn Paulus klagt im Namen Gottes an. Vor Gott könne der Mensch sich nicht und niemals rechtfertigen, auch nicht durch Umkehr, Buße und gute Werke.
Kein Autor der Weltgeschichte hat den Menschen derart beschuldigt wie Paulus. Unter dieser furchtbaren Anklage hat der augustinische Mönch bitter gelitten. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“, mit dieser Frage quälte er sich so lange, bis Paulus ihm die erlösende Antwort gab: Durch den Glauben wirst du gerettet; der Glaube an das Erlösungswerk Christi rechtfertigt. Die erlösenden Worte im 1. Korintherbrief des Paulus wirkten wie eine Lebensrettung des von Ängsten heimgesuchten Mönches. Luthers eigene Glaubensbiographie ist das Fundament seiner Rechtfertigungslehre. Seine existentielle Glaubensgeschichte wird Maßstab für die evangelische Deutung der Heiligen Schrift.
Andere Glaubensbiographien können im Neuen Testament andere Antworten als Luther finden. Einer Reform der Reformation sollte es ein Anliegen sein, die Zentrierung der evangelischen Botschaft auf einen anklagenden Paulus aufzugeben. Jesus hat nicht als Ankläger geredet, sondern seine „Gute Botschaft“ in Gleichnissen verkündet. Die Gerechtfertigten des Paulus sind von Gott Auserwählte; nur sie werden vor dem göttlichen Gericht (forensischer Hintergrund) gerettet. Zwar rechtfertigt der Glaube, aber er ist auch für Luther keine Leistung des Menschen, sondern ein Gnadengeschenk, durch das Gott seine begnadeten Auserwählten glauben lässt. Obwohl Jesus im Markusevangelium seine gute Botschaft vom nahegekommenen Reich Gottes mit dem Imperativ einleitet: „Kehret um und glaubt an die Heilsbotschaft!“, hat der Mensch nach Luther nicht das Vermögen, von sich aus umzukehren und sich Gott zuzuwenden. Dieser Willensentschluss liegt für Luther nicht in der Freiheit des Menschen, sondern er entspringt allein dem Willen Gottes. Der Mensch hat keine Freiheit zu glauben. Glaubenkönnen ist Sache Gottes, nicht des Menschen. Der Grundlagentext betont: „Der Mensch muss sich Gottes Gnade gefallen lassen. […] Deshalb haben die Reformatoren sich gegen die Vorstellung gewandt, der Glaube sei eine freie Entscheidung des Menschen.“ Um dieser Erkenntnis zu entsprechen, müsste der Titel des Grundlagentextes besser „Reformation oder Freiheit“ lauten.
Wenn die EKD an die Rechtfertigungslehre Luthers erinnert, aktualisiert sie mittelalterliches Denken, dessen Vorstellungen von Erbsünde und Prädestination notwendige Bedingungen für Rechtfertigung darstellen. Zuerst muss man die paulinische Anklage glauben, dann darf man glauben, gerechtfertigt und gerettet zu sein. Kann man diesen „»salto mortale« der Verunft“ (Kant) heutigen Menschen noch zumuten? Zwar klären die Autoren: „Man muss deshalb nicht zu dem Urteil kommen, die reformatorische Rechtfertigungslehre sei eine für die damalige Zeit wichtige Klarstellung gewesen, aber habe heutigen Menschen nichts mehr zu sagen, weil diese nicht mehr wie damals die Frage nach dem »gnädigen Gott« stellten.“ Kontrafaktisch machen sie jedoch deren Anspruch auf Gehör geltend.
Zur Reform der Reformation gehört ein gebildeter Glaube. Dieses Ansinnen könnte man dem Grundlagentext entnehmen, wenn es heißt: „Der in der Königsberger Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts wiederholte Imperativ des antiken Dichters Horaz, Sapere aude, »wage zu denken«, beschreibt ein genuin protestantisches Anliegen: Die Reformation will zu gebildetem Glauben führen.“ Aber es ist vielsagend, wenn zwar von der Königsberger Aufklärung die Rede ist, aber der Name des Königsberger Aufklärers, Immanuel Kant, verschwiegen wird. Nachreformatorisch hatte Kant den Mut, dem „heiligen Schriftsteller“ Paulus die Möglichkeit des Irrtums zu unterstellen, wenn er die alttestamentliche Gnadenwahl (Israel als auserwähltes Volk) in die evangelische Botschaft überträgt. Zudem hielt Kant die Erbsünde für die „unschicklichste“ von „allen Vorstellungsarten“. Gebildeter Glaube entsteht aus einer Reform der Reformation, die es wagt, sich dem „Gerichtshof der Vernunft“ zu stellen und sich von mittelalterlichem Ballast zu befreien. „Reformation und Freiheit“ könnte dann als Motto zu dieser Reform verstanden werden.
 

Zuletzt geändert am: 12.07.2016 um 11:21

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© 2017 Gesellschaft für eine Glaubensreform e.V.
| Seite zuletzt geändert am: 10.12.2017, 19:13 von Administrator |