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Predigt zu Jesaja 55, 11-13 am 31.1.16 in Berg

04.02.2016
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Predigt in der Feier der Lebensgaben Gottes am 31.1.2016 im Gemeindesaal Berg
Alttestamentliche Lesung: Jesaja 55,11-13
Durch den Propheten Jesaja sendet Gott den zur Heimkehr nach Jerusalem aufgeforderten Juden folgende Sehnsuchtsbilder eines „Willkommens“, das die ganze Natur erfasst: „So ist es mit meinem Wort, das aus meinem Munde kommt: es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern wirkt, was ich beschlossen, und führt durch, wozu ich es gesendet habe. Denn in Freuden werdet ihr ausziehen und in Frieden sollt ihr geleitet werden; die Berge und Hügel werden vor euch in Jubel ausbrechen und alle Bäume des Feldes werden in die Hände klatschen. Statt der Dornen werden Zypressen wachsen und Myrten statt der Disteln. Dem Herrn zum Ruhme wird es geschehen, zum ewigen Zeichen, das nicht getilgt wird.“
Liebe Gemeinde, niemand im Land kann dem Thema Flüchtlinge entrinnen, weil es in Gestalt von Millionen Menschen zu uns gekommen ist. Es ist da. Aber weil gehandelt werden muss, brauchen wir Orientierung. Und die muss, wenn sie das Denken beeinflussen soll, eine Rückbindung an unseren Werten. An welchen aber?
Auf diese Frage laufen die tagtäglichen Diskussionen im Lande bewusst oder unbewusst hinaus. Vor kurzem las ich im Magazin der Süddeutschen Zeitung einen Artikel, der sich kritisch mit Weihnachtspredigten beschäftigt hat. Darin stand: „Es gab in diesem Jahr eine Predigt, über die ein ganzes Land und Menschen in aller Welt bis heute diskutieren. Sie stammt von der Tochter eines evangelischen Pastors, die ihrer großen Gemeinde voller Überzeugung sagte: ‚Wir schaffen das!‘ Und als ihr immer weniger Menschen glauben wollten, dass es keine Obergrenze für Kriegsflüchtlinge geben dürfe, mahnte sie: ‚Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen, dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.‘ Das war“, schrieb der Autor, „eine zutiefst christliche und sehr konkrete Aussage, die jedem Pfarrer gut [scil. zu Gesicht] gestanden hätte. [Aber] Es waren untypische Worte für eine Kanzlerin.“ Sie bekommt es tagtäglich deutlicher zu spüren. Aber hat sie denn nicht die Wahrheit gesagt?
So wie Angela Merkel reden, kann nur, wer einen festen Grund unter den Füßen hat. Den hat Frau Merkel in dem persönlichen Glauben, dass die Nächstenliebe, die Notleidenden Asyl und Lebensschutz gewährt, im Tiefsten mit Gott zu tun hat, ja, praktiziertes Glaubensbekenntnis ist. Dieser Glaube gibt der Nächstenliebe die große Unbedingtheit, die sie braucht, um auch kalkulierbare Widerstände überwinden zu können. Die Bibel redet von der Fähigkeit, „Berge zu versetzen“. Das ist so, weil Nächstenliebe die menschliche Antwort auf Gottes Liebe zum Leben, zu allen Menschen und Geschöpfen, ist. Darum hält sie das Leben zur Zukunft hin offen und zugleich in Bewegung.
Um diese Kraft geht es, wenn es um Orientierung für unser Denken und Handeln geht. Denn alles, was wir heute tun, hat Auswirkungen auf die Gestalt des Lebens, das morgen beginnt, auf die Zukunft, in die hinein sich das Menschsein entwickelt. Wo es aber um unser Menschsein geht, geht es auch um die Menschheit. Denn so, wie wir Menschen uns bis jetzt entwickelt haben, sind wir noch nicht am Ziel unserer Entwicklung angekommen: Wir haben einen Lebensstandard wie nie in der Geschichte. Aber wir haben zugleich eine Schere zwischen arm und reich, die sich so weit öffnet, wie nie zuvor. Und 100 Millionen Menschen leben auf der Flucht. Wir sind, können und haben vieles, aber was Gerechtigkeit angeht, sind wir trotzdem erst sehr bruchstückhaft wahre Menschen, also so, wie Jesus wahrer Mensch war. Wir haben eine lange biologische Evolution hinter uns, vom Tier zum Menschen. Aber wir Menschen haben noch eine lange kulturelle Evolution vor uns, um wirklich menschlich zu werden.
In der Bibel ist die Entwicklung des Lebens weithin als Gottes Geschichte mit Israel dargestellt. Diese Geschichte wird in großen Zusammenhängen erzählt, nicht zuletzt in Erzählungen von dramatischen Aufbrüchen und Auszügen, die Menschen dazu gezwungen haben, das Gewohnte hinter sich zu lassen, um neu und besser anfangen zu können. Das gilt schon für den Auszug der noch eher vormenschlichen Menschen aus dem Paradies: Um Menschen zu werden, wie wir Menschen sind, um selbständig Gut und Böse unterscheiden zu können, mussten sie dort heraus – und Gut und Böse an sich selbst kennenlernen.
Auslöser für die späteren Aufbrüche und Auszüge von Einzelnen, von Stämmen und dem ganzen Israel sind zumeist lebensbedrohende Katastrophen. Als Wegweiser dienen Träume und Prophezeiungen. In ihnen wird vermittelt, was Menschen brauchen, um die Zukunft nicht sich selbst überlassen zu müssen: starke Sehnsuchtsbilder: „Ich will dich zu einem großen Volk machen“ (Gen 12,2), hört Abram von Gott. Und Mose wird von ihm berufen, Israel aus der Knechtschaft in Ägypten herauszuführen „in ein schönes, weites Land, in ein Land, wo Milch und Honig fließen“ (Ex 3,8). Später wird der kleinen Familie Joseph, Maria und Jesus das große Glück zu überleben verheißen, wenn sie vor dem Kindermörder Herodes nach Ägypten fliehen (Matthäus 2,13-23).
Sehnsuchtsbilder sind diese Bilder im doppelten Sinn: Sie sprechen eine tiefe Sehnsucht an, die schon immer in den Menschen ist: Beim „großen Volk“ geht es ums Wachsen, bei „Milch und Honig“ um die erste flüssige und halbfeste Menschennahrung, und bei der Flucht ums Überleben. Diese Bilder versteht jeder und jede sofort. Aber es sind auch Sehnsuchtsbilder, weil sie die irgendwie defizitäre Wirklichkeit an Lebensfülle und Lebensgaben jeweils weit übersteigen. Dadurch wecken sie die Hoffnung auf ein besseres Leben. Da geht es im wahren und ganz realen Sinn um Heilsprophetie. Und so ziehen sie alles Denken und Handeln mit unwiderstehlicher Kraft auf sich und geben den mit den Bildern positiv infizierten Menschen einen schier unglaublichen Willen, diese Ziele zu erreichen – gegen alle Widerstände und Gefahren. Man muss es erinnern: Von denen, die Mose 40 Jahre lang von Ägypten nach Kanaan geführt hat, ist so gut wie niemand ans Ziel gelangt. Angekommen ist erst die Generation der Kinder.

Bis 2015 konnte sich kaum jemand wirklich vorstellen, was Israel während des Durchzugs durch das Schilfmeer und dann durch die Wüste durchgestanden hat, oder viele Jahrhunderte später auf dem Rückweg der Deportierten von Babylon zurück nach Jerusalem - alles zu Fuß, ohne Eisenbahn und Busse. Aber ab 2015 können auch diejenigen, die keine eigenen Fluchterfahrungen haben, aus den Videos im Fernsehen nacherleben, was Menschen heute mitmachen, die über Land und Meer und viele tausend Kilometer kommen – sofern sie alle Gefahren überstehen und nicht unterwegs umkommen. Und seit kurzem hören wir nun dieselben Geschichten von Frauen, die sich allein mit ihren Kleinkindern auf die Reise gemacht haben, ihren Männern hinterher. Denn sie haben über Smartphone mitbekommen, dass der Familiennachzug aus Syrien für eine bestimmte Gruppe gestoppt werden soll. So kämpfen sie mit den Füßen gegen die Wahnsinnsidee an, man könnte zerrissene Familien in unsere Gesellschaft integrieren.
2. Welche Rolle aber spielt Gott bei den Auszügen / Aufbrüchen eigentlich? Sehen wir in die Bibel, tritt Gott in den Erzählungen als die bewegende Kraft auf. Von ihm gehen direkte Befehle aus („Brich auf!“ „Gehe in …!“ usw.). Aber das ist die Ebene der erzählbaren Aktionen einer Heilsgeschichte. Die zusammenhängende Deutung der großen Auszüge und Völkerwanderungen und der Integration kulturfremder Menschen verlangt eine andere Betrachtungsweise. In ihr muss wahrgenommen werden, dass die Weltgeschichte weder in einem einheitlichen kulturellen noch religiösen noch politischen Raum vor sich geht. Aber gerade vor diesem Hintergrund verlangt die Frage, wer Gott in den großen Wanderungen unsere Zeit ist, eine Antwort.
Ich versuche sie im Zusammenhang mit der kulturellen Evolution zu geben, die die Menschheit noch vor sich hat. Sie wird noch ganz unbekannte Zeiträume und Ausmaße von Geduld brauchen, um die unterschiedlichen Religionen und Kulturen wirklich in eine Menschheit zu integrieren, die sich als eine Menschheit versteht. Für sie kann dann der Begriff einer „versöhnten Verschiedenheit“ oder einer „Einheit in der Vielfalt“ gelten.
Was diese Integrationsaufgabe angeht, ist Gott für mich der große Zusammenhang des Lebens, der uns erlaubt, in großen Zusammenhängen und Zeiträumen zu denken. Er erlaubt uns auch zu glauben, dass alles Gute, und zwar auch alles jetzt noch für unmöglich gehaltene Gute, möglich werden kann. Damit die dafür nötigen großen Vorwärtsbewegungen, für die viele arbeiten, nicht steckenbleiben, bedürfen wir der Sehnsuchtsbilder, von denen ich gesprochen habe. Sie kommen aus kleinen und großen Träumen und Visionen und nehmen die Bedürfnisse der Menschen ernst. „I have a dream“ – ist das Stichwort. Nichts beflügelt unsere Seele mit solcher Dynamik wie diese Träume vom Menschsein.
Genau genommen gehört das, was Jesus in den Seligpreisungen der Bergpredigt als Kennzeichen menschlicher Gotteskindschaft gepriesen hat, auch zu den Sehnsuchtsbildern. „Söhne und Töchter Gottes“ nennt Jesus die, die seinen Weg gehen. Nicht nur den einen Sohn, alle Söhne und Töchter Gottes erkennt man daran, dass sie Menschen helfen, dass sich ihre Sehnsüchte nach der Anerkennung ihrer Menschenwürde, nach Gerechtigkeit, Frieden und Bildung, ja, oft sogar nur danach, satt zu werden, erfüllen. Da geht es ja nicht um Luxusartikel, sondern um Lebensgaben, die Gott jedem seiner Geschöpfe zugesteht. Das ist die Grundausstattung zur Menschwerdung. Also haben solche Sehnsuchtsbilder auch mit Gott zu tun. Ja, sie sind uns allen von Gott selbst in Herz und Sinn gegeben. Er selbst hat uns durch Jesus und andere Gottesmänner und -frauen mit diesen Hoffnungsbildern infiziert. Denn ohne diese Hoffnungsbilder gäbe es keine kulturelle Evolution. Und das heißt: keine Menschwerdung der Menschen. Denn die meint nicht, dass der Mensch so bleibt, wie er ist, und dass nur die Güter der Erde etwas besser verteilt werden als bisher. Sondern sie meint, dass wir uns in Richtung auf das uns vor Augen gestellte Menschsein Jesu entwickeln.
Liebe Gemeinde, Ihr könnt alle Dogmen vergessen. Aber lasst euch diesen Menschen Jesus immer tiefer als euer Sehnsuchtsziel in die Seele brennen. Und brennt ihn auch euren Kindern und Enkeln ein. Das ist die beste Erbschaft und die beste Bildung, die Ihr weitergeben könnt: die Teilhabe an der Sehnsucht nach liebevollen menschlichen Beziehungen, nach Sanftmut und Barmherzigkeit, nach Gerechtigkeit und nach Frieden durch die Bereitschaft einander Schuld zu vergeben. Das heißt kulturelle Evolution, christlich verstanden.
Darum ist für mich klar, dass auch die Kraft, die Menschen aus Kriegs- und Elendsregionen der Erde aufbrechen und bei den Wohlhabenden die vermissten Lebensgaben suchen lässt, von Gott selbst kommt. Das heißt aber auch, dass Integration derer, die zu uns kommen, einschließlich ihrer Ausbildung etwas ist, was wir den hilfesuchenden Menschen um Gottes willen schuldig sind. Die Träume und Sehnsüchte der Flüchtenden beinhalten also auch das von Gott zugesprochene Recht darauf, erfüllt zu werden. Das haben die Väter des Asylrechts genauso verstanden wie alle, die den hier Angekommenen ihre wunderbare Hilfsbereitschaft geschenkt haben und schenken.
Integration aber steht unter keinem guten Stern, so lange zu uns Gekommene noch am Rande unserer Ortschaften in Zelten hausen müssen. Als Notlösung sind solche Zeltplätze manchmal die einzige Lösung gewesen. Und von dort aus kann man auch mit dem Deutschunterricht und der vielfältigen Begleitung beginnen, wie es dankenswerterweise hier geschieht. Alle Hochachtung denen, die sich da engagieren. Aber so schnell es irgend geht, müssen diese Zelte durch festen Wohnraum ersetzt werden. Integration verlangt, dass wir und die zu uns Kommenden wenigstens annähernd auf einer Ebene leben. Sonst drohen uns Verhältnisse wie in den Vorstädten Frankreichs.
Ich rufe dazu in Erinnerung, was im 4. (und 5.) Buch Mose zum Recht der Fremdlinge als Gottes Gebot zu lesen ist: „Und wenn ein Fremder bei euch wohnt, … ein und dasselbe Recht gilt für euch wie für den Fremden, der bei euch wohnt. Das ist eine ewiggültige Satzung für euch und eure Nachkommen.“ (4. Mose 15,14-16)
Und wer möchte, sage dazu Amen.
(Klaus-Peter Jörns, abgeschlossen am 31.1.2016)



 

Zuletzt geändert am: 08.03.2016 um 09:17

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