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Predigt zu Jesaja 54, 7-10 am 6.3.2016

20.06.2016
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Predigt über Jes.54, 7-10 am 6.3.2016 (Übertragung im MDR-Figaro),

Pfarrer Klaus Vesting, Evangelisch-Reformierte Gemeinde Dresden

Predigt, Teil 1

Als Predigttext hören wir einen Abschnitt des Jesajabuches, Kapitel 54, die Verse 7-10:
„Eine kleine Weile habe ich dich verlassen, mit großem Erbarmen aber werde ich dich sammeln. Im Auffluten der Wut habe ich mein Angesicht eine Weile vor dir verborgen, mit immerwährender Güte aber habe ich mich deiner erbarmt, spricht dein Erlöser, der Herr. Denn dies ist für mich wie die Wasser Noahs: wie ich geschworen habe, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde kommen, so habe ich geschworen, dir nicht zu zürnen und dich nicht zu schelten. Denn die Berge werden weichen und die Hügel wanken, meine Gnade aber wird nicht von dir weichen und mein Friedensbund wird nicht wanken, spricht, der sich deiner erbarmt, der Herr.“

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer,
Was ist das für ein Gott? Erst verlässt er sein Volk, das verstreut sich, und dann besinnt er sich und sammelt es wieder ein. In einem Anfall von Wut wendet er sich ab, um sich dann zu erbarmen, sogar immerdar. Und ebenfalls immerdar will er von nun an nicht mehr zürnen und schelten und erinnert dabei an die große Flut, die Sintflut, nach der er schon einmal geschworen hatte: nie wieder soll eine Flut über die Erde kommen. Was ist das für ein Gott? Wankelmütig? Heute hüh, morgen hott? Getrieben von Affekten wie Zorn und Wut? Und das als Reaktion auf das Verhalten von Menschen, so, als könne der Mensch Gottes Zorn provozieren und dann – durch Buße vielleicht – auch wieder besänftigen. Gott – ein Getriebener der Menschen?
Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Gott tatsächlich so sein sollte. Man fühlt sich eher erinnert an die launischen Götter Roms oder Griechenlands mit ihren Befindlichkeiten, Eitelkeiten und Intrigen.
Aber es steht nun mal hier, in der Bibel. Na und? In der Bibel stehen zum Beispiel auch die Sprüche der Propheten Jesaja und Micha. Beide wirkten sie wohl gleichzeitig in Jerusalem, als die Stadt von dem Heer der Assyrer belagert wurde. Das war im Jahr 701 vor Christus. Vielleicht kannten sie sich. Beide führten die missliche Situation der Stadt auf das verwerfliche asoziale Handeln der Eliten des Landes zurück. Diese hätten die Armen unterdrückt, Land geraubt und heilige Kriege ausgerufen. Nun ließe sie Gott mit ihren Feinden allein. Sollen sie doch sehen, wie sie ohne ihn klarkommen. Aber, verheißt Jesaja, Jerusalem wird zwar bedrängt, doch zum Äußersten wird es nicht kommen; sie ist doch die Stadt Gottes. Micha dagegen verkündet: Jerusalem wird zur Trümmerwüste.
Wer von beiden hat denn nun im Namen Gottes gesprochen? Der Recht hatte? Im Jahr 701 vor Christus zogen die Assyrer unerwartet ab, Jerusalem blieb erhalten – also Jesaja. Aber gut 100 Jahre später kamen die Babylonier, und die zerstörten Jerusalem samt Tempel, dem zentralen Heiligtum. Späte Genugtuung für Micha? Sollte er schon „gesehen“ haben, was über 100 Jahre nach ihm geschehen wird? Und wer sagt uns denn, ob Micha nicht gar die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 nach Christus gemeint habe, oder noch eine andere? Jetzt werden Prophetentexte und ihre Interpretation willkürlich. Und überhaupt, warum sollte Gott Micha etwas verkünden lassen, was erst Jahrhunderte später eintritt und für seine Hörer keine Bedeutung hat?
Wir stoßen hier auf ein grundsätzliches Problem im Umgang mit Texten die man als heilige Texte apostrophiert. Heilige Schriften gelten ja per se als wahr und damit auch zeitlos bedeutsam. Sind sie es aber mal nicht, weil sie nichts mit der Zeit eines gegenwärtigen Lesers und seiner vorgefundenen Realität zu tun haben, dann werden sie so lange hin und her interpretiert, bis es wieder passt. Man bemüht Symbolik, Analogie, Metapher oder notfalls auch die Kleinheit unseres Verstandes im Erfassen dessen, was da geschrieben steht. Heraus kommen dann oft Erklärungen, die keiner mehr versteht und die oftmals jede Logik arg strapazieren. Frage deinen Pfarrer, wenn du die Bibel nicht verstehst, hilft eben auch nicht immer. Die scheuen sich nämlich, klar zu sagen: die heiligen Texte sind von Menschen geschrieben, Menschen, die man aus ihrer Zeit und ihren Fragen heraus verstehen muss; Menschen, die eine Absicht hatten mit dem, was sie schrieben. Und das, was sie schrieben, war für ihre Zeitgenossen gedacht und nicht für Leser des 21. Jahrhunderts.
Unser Text führt uns in eine politisch bewegte Zeit. Gut 100 Jahre nach den unterschiedlichen Prophezeiungen Michas und Jesajas war Jerusalem zerstört und die Elite des Landes nach Babylon ins Exil gebracht. Das war nicht nur eine menschliche, das war auch eine theologische Katastrophe. Gott hat sein Volk nicht schützen können; der Stadtgott Babylons, Marduk, war stärker, deshalb haben die Babylonier gesiegt. So dachte man. Manche dachten weiter. Sie erinnerten sich an Micha und Jesaja, und das diese ja die sozialen Missstände im Land angeprangert hatten, die Unterdrückung der Schwachen, der Witwen und Fremden. Und plötzlich fanden sie auch eine Erklärung für Ihre Gefangenschaft. Nicht die Schwäche Gottes hatte sie hergeführt, sondern sein Zorn. Diese Erkenntnis war sogar tröstlich. Sie erklärt das scheinbar unerklärbare. Gott unterlag nicht Marduk im Götterkampf; er hat sich bewusst zurückgezogen. Gott hat sie nicht verlassen, er hat sich verborgen. Ihr Elend hat einen Sinn, es ist die Folge von Schuld. Und die wird eines Tages abgegolten sein.
Und noch ein Gedanke bricht sich hier im Exil Bahn, einer, der vorher so noch nie gedacht wurde. Wenn Gott die Babylonier dazu benutzen kann um sein Volk zu strafen, dann sind auch die Babylonier gewissermaßen in seiner Hand und die Götter Babylons sind nichts. Und wenn Babylon, dann auch die anderen Völker. Der Gott Israels wird von nun an gedacht als Gott der Völker, der die Geschicke der Welt lenkt. Denn nun tauchen die Perser in der Geschichte auf. Ihr König Kyros steht in begriff, die Babylonier zu besiegen. Dies geschieht 539 vor Christus. Im Jesajabuch wird dieser Kyros sogar Messias genannt, der Gesalbte des Herrn. Nach der Eroberung Babylons lässt er alle Exilierten in ihre Heimatländer zurückkehren.
In der Spätphase des Exils treten Propheten auf die trösten. Unser Text gehört dazu. Der unbekannte Prophet fand ein umwerfendes Bild: Israel als ungetreue Frau und Gott als enttäuschter Ehemann, der aber die Liebe der Jugendzeit nicht vergessen kann. Und so wird Bild, was die Theologie als Schuld und Sühne durchdachte: „Eine kleine Weile habe ich dich verlassen, mit großem Erbarmen aber werde ich dich sammeln. Im Auffluten der Wut habe ich mein Angesicht eine Weile vor dir verborgen, mit immerwährender Güte aber habe ich mich deiner erbarmt, spricht dein Erlöser, der Herr.“
Der, der diese Worte des Trostes und der Hoffnung schrieb, hatte Vorbilder. Aus dem babylonischen Mesopotamien war vor langer Zeit eine Flutgeschichte nach Israel gekommen, in der die Menschheit untergegangen war bis auf jene, die in der Arche überlebten. Und als diese Geschichte in die Schriften Israels übernommen wurde, hat man gleich dazu geschrieben, dies werde so nicht wieder geschehen, weil es nicht mehr ihrer Gottesvorstellung entsprach, dass Gott die Welt in einen einzigen Leichenberg verwandelt: „wie ich geschworen habe, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde kommen, so habe ich geschworen, dir nicht zu zürnen und dich nicht zu schelten.“
Und dann folgt dieses wunderbare Bild mit der unmöglichen Möglichkeit der weichenden Berge und fallenden Hügel: „meine Gnade aber wird nicht von dir weichen und mein Friedensbund wird nicht wanken, spricht, der sich deiner erbarmt, der Herr.“
Kein Zweifel, es sind tröstliche Worte, hoffnungsvolle Worte. Aber ist es nun Menschenwort oder Gotteswort, menschliches Gotteswort oder göttliches Menschenwort? Was immer es auch ist, es ist zu Israel gesagt, damals im Exil. Was geht es uns an?

Musikstück

Predigt, 2. Teil

Was geht es uns an? Israel fand damals Trost in dem Gedanken, dass Gott die Völker lenkt und mit Zorn oder Gnade auf deren Tun reagiert. Aber würde es uns noch in den Sinn kommen, hinter Leid und Krieg den Zorn Gottes zu vermuten? Und dass Gott an den Schalthebeln sitzt und Völker und Menschen dirigiert, gehört auch nicht mehr zu unserem Gottesbild.
Unser Text erzählt von einem Wandel. Kurzer Zorn wandelt sich in immerwährende Gnade. Die Bibel ist ein Buch des Wandels, dass macht sie so einzigartig. Es ist die Geschichte eines ganzen Volkes in seiner Auseinandersetzung mit Gott und der Welt. Es ist die Geschichte eines Volkes, das mit Gott lebt, sich an Gott reibt, ihn lobt, gegen ihn klagt und rebelliert, das verzweifelt und immer wieder hofft. Es ist das Volk, das seine Geschichte im Lichte Gottes versteht und da, in Auseinandersetzung mit diesem Gott, ethische Normen entwickelt, die zur Grundlage menschlichen Zusammenlebens überhaupt werden. Viele Generationen haben ihre Spuren in der Bibel hinterlassen. Texte entstanden, Spätere haben sie ergänzt, erweitert, verändert, korrigiert, umgeschrieben, vielleicht auch gestrichen. Ein anfangs noch vorhandener Polytheismus wandelt sich langsam zum Monotheismus; ein Gott, der selber noch die Ärmel hochkrempelt um Menschen zu formen, wird immer mehr zu einem, der allein durch das Wort wirkt; ein Gott, der einst die Geschicke Israels lenkte, wird zu einem, der die Welt regiert, die er geschaffen hat. Nicht von ungefähr entstand die Schöpfungserzählung vom Anfang der Bibel im Exil in Babylon.
Von 7 Tagen und Sonne und Mond als Lampen am Himmel – so würde man heute nicht mehr Schöpfung beschreiben. Da ginge es um Urknall und Relativität. Dem Gedanken einer Schöpfung täte das aber keinen Abbruch. Wie die Welt entstand ist eine Frage fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die Frage nach dem Schöpfer ist aber die Warum-Frage. Warum ist die Welt? Darauf gibt es zwei Antworten, die beide gleichermaßen Glaubensantworten sind: 1. Die Welt ist das Ergebnis von Zufällen. 2. Sie ist gewollt. Ist sie gewollt, dann steckt ein Wille dahinter – man kann es Gott nennen. Gott wollte und will das Leben. Das missachten alle, die Gott mit Tod, Vernichtung und Heiligem Krieg in Verbindung bringen wollen. Vom Zorn Gottes reden mit Vorliebe die, die davon profitieren.
Unser Prophet spricht auch vom Zorn Gottes. Bei ihm ist es aber keine Drohung, sondern der Versuch, zu erklären, warum es zum Untergang Jerusalems und der Gefangenschaft in Babylon gekommen ist. Ein sehr menschlicher Versuch.
Nun erklärt er aber nicht nur, sondern tröstet auch: „Denn die Berge werden weichen und die Hügel wanken, meine Gnade aber wird nicht von dir weichen, und mein Friedensbund wird nicht wanken spricht, der sich deiner erbarmt, der Herr.“ Ist dieser Trost auch nur ein menschliches Wort? Gilt es auch nur den Gefangenen in Babylon im 6. Jahrhundert vor Christus? Oder anders gefragt: was berechtigt uns, dieses Wort auf uns heute zu beziehen?
Ganz einfach: die Vorstellung von Gott als Schöpfer. Die Schöpfung ist auf Leben ausgerichtet. Gott liebt das Leben, das er geschaffen hat, er liebt seine Geschöpfe. Und weil er sie liebt, ist er ihnen zugewandt. Man nennt das: Gnade. „Meine Gnade, meine Zuwendung, wird nicht von dir weichen“, sagt Gott, oder sagt der Prophet, weil er weiß, das Gott nur so reden kann; und wir wissen, dass dies zu jedem Menschen gesprochen ist, weil jeder Mensch sein Geschöpf ist. Da ist für Zorn kein Raum. Die Bibel als Buch des Wandels – ein lebendiges Buch.
Unser Prophet redet noch vom Zorn, aber schon von der Gnade. Diese Linie führt direkt zur Verkündigung Jesu, zu dem, was wir Evangelium nennen, die gute Nachricht.
Was ist das Besondere an diesem Jesus? Das Besondere ist, wie er Gott verkündet. Nicht von Zorn und Strafe redet er, sondern von Gott als Vater, in einem Umfang, wie sonst keiner vor ihm. Er nennt Gott sogar Papa – das ist nicht despektierlich, sondern vertrauensvoll. Ein Papa liebt vorbehalt- und bedingungslos. So ist Gott zu den Menschen, sagt Jesus. Dazu erzählt er die Geschichte von einem Sohn, der sich vom Vater sein Erbteil auszahlen ließ, in die Welt zog, das Geld verjubelte und dann mittellos vor dem Scherbenhaufen seines Lebens steht. „Ich werde zurückgehen“ dachte er, mit dem ungeratenen Sohn wird der Vater nicht mehr viel zu tun haben wollen, verständlicherweise, „aber vielleicht kann ich ja als Tagelöhner bei ihm arbeiten“. Zu Hause angekommen, ist alles ganz anders. Der Vater freut sich, umarmt ihn: „Du bist mein Sohn und du bleibst mein Sohn“ Und es ist, als wäre er nie weg gewesen. So ist Gott. „Berge werden weichen und Hügel wanken, aber meine Liebe wird nicht von dir weichen, spricht, der sich deiner erbarmt.“
Gott ausschließlich mit Liebe in Verbindung zu bringen, das ist das radikal Neue an Jesus und seiner Verkündigung. Dass Gott barmherzig ist, das wurde auch vor Jesus schon geschrieben, aber genauso oft war eben auch von Zorn und Strafe und Vernichtung von Feinden die Rede, menschliche Bilder von Gott, entsprungen aus Angst oder der Vernichtungsphantasie gegenüber den Feinden. Und diesen Bildern von Gott begegneten die Menschen religiös mit Opfern und Ritualen und der strikten Beachtung von Lebensregeln.
Aber ein Gott der liebt, muss nicht durch Opfer besänftigt oder zufriedengestellt werden; der führt auch kein Register, ob man alle Regeln eingehalten und alle Rituale absolviert hat. Jesus hatte da eine erstaunliche Freiheit im Umgang mit religiösen Ordnungen. Das hat ihn letztlich das Leben gekostet. Denn wo das Wissen um die unverlierbare Liebe Gottes, aus religiösen Zwängen befreit, haben jene verloren, die daraus Macht, Einfluss und Ansehen gewannen. Ein liebender Vater macht keine Angst, im Gegenteil, er ermutigt zur Liebe. Wer Erbarmen erfährt, wird selber barmherzig.
„Meine Gnade wird nicht von dir weichen.“; aber worin zeigt sich diese Gnade. Ist es nur ein schöner Satz, oder hat er auch Wirkung?
Die Gnade führt Menschen in den Frieden. Denn wenn Gott der Schöpfer, der liebende Vater ist, dann sind alle Menschen seine Kinder. Klassifizierungen wie fromm, ketzerisch und ungläubig, verbieten sich dann. Denn es geht nicht mehr in erster Linie darum, was jemand glaubt, sondern wie er geschwisterlich lebt. Somit führt die Gnade auch in die Verantwortung. Frieden erreicht man nur im verantwortlichen Miteinander, denn er ist ein Verhältnisbegriff: Frieden zwischen dir und mir, das müssen beide wollen, und das erreicht man nur durch verantwortungsvolles Austarieren der Interessen. Natürlich kann man auch ohne an Gott zu glauben friedlich und verantwortungsbewusst sein. Aber mit ihm im Rücken geht es einfacher.
Auch wenn Menschen die Bibel geschrieben haben – oft sieht es so aus, als habe Gottes Geist ihre Gedanken gelenkt. „Mit immerwährender Gnade habe ich mich deiner erbarmt, spricht dein Erlöser, der Herr.“
Was ist das für ein Trost. Was ist das für eine Ermutigung.

Amen
 

Zuletzt geändert am: 20.06.2016 um 23:23

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