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Passion - eine problematische Kategorie

14.02.2016
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Passion - eine problematische Kategorie


Zyniker sagen, Passion sei eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Übertragen auf den Fall Jesus hieße dies: Jesus hatte eine Passion, die zu seinem Leiden führte. Ob seine Leidenschaft jedoch notwendigerweise mit seinem Leiden und Tod zusammen zu denken ist, erscheint fraglich. Dieser Zusammenhang ergibt sich nur aus einer religiösen Interpretation. Niemand weiß, ob er diesen Tod proaktiv - wie man heute sagt – wollte oder ob er nur re-aktiv zu verstehen ist. Möglicherweise ist seine Leidensgeschichte das Resultat eines Konflikts mit den religiösen und politischen Machteliten, der tödlich endete. Dann hätte er mit seiner Leidenschaft eine tödliche Grenze überschritten und wäre in die Falle geraten, die zuschnappte, bevor er sich ihrer Tödlichkeit bewusst werden konnte.

Gerne weisen Bibelkundige darauf hin, dass in den Evangelien von Leidensankündigungen zu lesen ist. Doch dürften diese Stellen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf den historischen Jesus zurückgehen.

Neutral gesehen bedeutet der Tod Jesu das Scheitern seiner leidenschaftlichen Mission. Niemand strebt sein eigenes Scheitern proaktiv an. Dies ist dann auch für Jesus anzunehmen, es sei denn, zu seiner Mission gehörte das gewollte Leiden und der Tod. Letzteres ist die Perspektive des Glaubens. Dann wird es nötig, den Sinn des tödlichen Finales zu begründen.

Die Evangelien erzählen von einem Jesus, der das kommende Reich Gottes verkündet und dies als gute Botschaft versteht. Im Mittelpunkt seiner Verkündigung steht nicht, dass er gekommen ist, um seine leidenschaftliche Passion mit dem Tod am Kreuz zu krönen. Nur aus solcher Intention könnte man schließen, dass Jesus freiwillig und absichtlich den Tod wollte. Die Freunde von Jesus sind nicht gerade glücklich, wenn sie mit dem Tod ihres Meisters konfrontiert werden, sondern sein Tod ist für sie eine Katastrophe, mit der sie nicht gerechnet haben (selbst wenn Jesus sie darauf vorbereitet haben sollte). Aus ihrer Reaktion auf den Tod Jesu am Kreuz ist deshalb zu schließen, dass sie seine Mission für gescheitert ansehen. Mission und Passion ist für sie elementarer Widerspruch.

Es stellt sich folglich die Frage, wie aus dem Widerspruch ein neuer Spruch werden konnte, der Mission und Passion zusammenfasst. Urchristlich bedeutet dies: wie kann aus der schlimmen Botschaft „die Mission Jesu ist gescheitert“ wiederum eine gute Botschaft werden, sodass die neue Mission von der Passion handelt? In theologischer Terminologie heißt dies: Wie konnte aus dem Verkündiger der Verkündigte werden? Philosophisch ausgedrückt: Wie ist es möglich, dass Subjekt und Objekt zusammenfallen?

Zunächst ist grundsätzlich zu fragen, ob die Sache Jesu, seine Passion notwendigerweise mit Passion im Sinne der Leidensgeschichte zu tun hat, oder ob man sie auch ohne diese angemessen verstehen kann. Welche Mission verfolgt Jesus leidenschaftlich? Wer sind die Adressaten seiner Passion? Aus den Evangelien erfahren wir, dass er sich Armen, Kranken und Sündern zugewandt hat. Er versucht, ihr Leben zu heilen, ganz zu machen. Heilen durch Zuwendung, Anerkennung, Liebe. Diese Praxis ist kongruent mit seinem Verständnis von Gott als Barmherzigkeit und Liebe. (Für Jesus ist Gottesliebe und Nächstenliebe gleichbedeutend.) Im Licht seiner Praxis kann Jesus Heiland genannt werden. Ein „Heiland“, der heil macht durch grausames Sterben, erschließt sich nicht unschwer. Nur der Glaube vermag diese Hürde zu nehmen. Bis zu seinem Tod waren die Freunde Jesu ebenso begeistert von der Passion Jesu wie er; sie glaubten wie er an seine Sache. Sie mussten nicht an ihn glauben, um von seiner Passion angesteckt werden zu können. Erst nach dem Scheitern war Glaube gefordert. Glauben verwandelt Scheitern in Siegen im Sinn von Gelingen. Wer aber überzeugt ist von der Passion Jesu, muss nicht glauben, weil für ihn seine Passion trotz des Todes nicht gescheitert ist. Nur wer den Kreuzestod als Scheitern annimmt, muss glauben. Das heißt aber, er muss dem Tod einen besonderen Sinn geben, der ihm den tödlichen Stachel nimmt. (Der Glaubende kann sagen: Tod, wo ist dein Stachel?) Dieser Glaube macht nicht das Heilen Jesu bedeutsam, sondern seine Leidensgeschichte. Aus der Passion der Liebe wird Passion als Leidensgeschichte. Statt der Liebe rückt das Kreuz in den Mittelpunkt.

Durch einen Vergleich des Gottesbildes Jesu mit dem Gottesbild der Verkündigung des Gekreuzigten, von dem es heißt, er sei für uns gestorben, um uns durch sein Blut zu erlösen, sein Tod am Kreuz sei das Zentrale, weil es vor der Verdammnis rettet, werden enorme Differenzen erkenntlich.

Anfänglich war Jesus ein Anhänger von Johannes dem Täufer, der zur Umkehr mahnte, um dem Zorn Gottes zu entgehen. Jesus trennt sich von ihm und verkündet statt der Unheilsbotschaft vom Zorn Gottes eine Heilsbotschaft vom Gott der Barmherzigkeit. In seiner Praxis setzt er diese Lehre um. In der Abkehr von Johannes profiliert sich Jesu Passion: Liebe statt Strafe und Gericht.
Die Lehre von der erlösenden Wirkung des Kreuzestodes ist im Grunde eine Lehre von der erlösenden Wirkung des Scheiterns. Scheitern erlöst, auf diese paradoxale Formel lässt sich die Sinndeutung des Kreuzestodes bringen, wenn man den alttestamentlichen Interpretationshintergrund ignoriert. Aber erst durch die Identifikation des Gekreuzigten mit dem Knecht Gottes, der als leidender Gerechter stellvertretende Sühne tut und von Gott erhöht wird, kann das Leiden Jesu und sein Kreuzestod erlösende Bedeutung bekommen. Sobald Jesus aus dem Deutungshintergrund des Gottesknechtes verstanden wird, aktiviert man jedoch eine Gottesvorstellung, die Jesus gerade überwinden wollte: ein Gott, der Sühne verlangt, der sich nur durch stellvertretendes Menschenopfer versöhnen lässt. Von diesem Gott des Zorns hat sich Jesus abgewendet und den Gott der Liebe gepredigt. Die Sache Jesu, seine Passion wird einer Gotteslehre geopfert, gegen die er angetreten ist. Dies ist die eigentliche Passion Jesu.

Die Überzeugung von der Passion Jesu, nicht der Passion Christi, kommt ohne „salto mortale der Vernunft“ (Kant) aus, die das Scheitern in Siegen umdeutet. An seine Passion zu glauben, verlangt nicht den Glauben an die erlösende Wirkung des Leidens.

Die Nachfolge Jesu besteht in tätiger Liebe, nicht im Mittragen des Kreuzes. Liebe kann heilen, Leiden nicht.

Die Passion Jesu darf nicht der Passion Christi geopfert werden.

Dr. Wolfgang Mölkner

Zuletzt geändert am: 14.02.2016 um 14:34

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| Seite zuletzt geändert am: 10.12.2017, 19:13 von Administrator |