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Neue christliche Tierethik erschienen

19.06.2016
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Kurt Remele: Die Würde des Tieres ist unantastbar. Eine neue christliche Tierethik, Kevelaer 2016

Eine Rezension

Der Autor, katholischer Theologieprofessor für Ethik und christliche Gesellschaftslehre an der Universität Graz, möchte mit dem vorgelegten Buch an tierfreundliche, christliche Traditionen anknüpfen. Das Buch handelt von der „kontrafaktisch unantastbaren Würde der Tiere“. „Kontrafaktisch“ deshalb, weil die Würde der Tiere immer wieder verletzt wurde und wird. Das geschieht durch die nicht artgerechte Haltung, das Ausrottung, Quälen und Schlachten von Tieren. Die „Würde“ der Tiere wird hier nicht in einem rechtsphilosophischen Sinn parallel zur Menschenwürde verstanden, sondern als Protest gegen Grausamkeiten und als Appell, etwas dagegen zu tun.

Diese „kontrafaktische Perspektive“ nimmt der Autor auch in Bezug auf tierfreundliche christliche Traditionen ein. Einer Fülle theologisch legitimierter Tierquälereien seit dem Mittelalter stellt er akribisch die Positionen einzelner tierfreundlicher Theologen gegenüber. Hier seien exemplarisch Franz von Assisi, Kardinal John Henry Newman, Albert Schweitzer und, mit Einschränkungen, Papst Franziskus genannt. Alle Sympathien, die der Autor ihnen entgegenbringt, können aber nicht überdecken, dass sich im konkreten Handeln der Kirche, also Ihrer Würdenträger und Mitglieder, in den meisten Fällen die klassische kirchliche Position zeigt. Diese geht auf Aristoteles und Thomas von Aquin zurück und besagt, dass Tiere um der Menschen willen geschaffen sind. Dieser Herrschaftsanspruch des Menschen wird in der Theologie aus seiner Gottebenbildlichkeit (Gen.1, 27f) hergeleitet. Fleisch zu essen ist in kirchlichen Kreisen selbstverständlich, was exemplarisch an der unumstrittenen Bedeutung des Sonntagsbratens deutlich wird. Darüber hinaus wurde das Schlachten von Tieren sogar als deren Selbstopferung am Beispiel Christi theologisch überhöht.

Seine Position der unantastbaren Würde der Tiere kann der Autor nicht zwingend und schon gar nicht „neu“ aus der biblischen Tradition herleiten. Dass die Gottebenbildlichkeit des Menschen nicht als Herrschaftsanspruch, sondern als Verpflichtung zu verantwortlichem Handeln zu lesen ist, ist hinlänglich bekannt (Klaus Koch). Auch Remeles Blick auf das Neue Testament kann nicht überzeugen. Einerseits nennt er die historisch-kritische Exegese als angemessene Methode des Bibelverständnisses, andererseits beschäftigt er sich mit der Frage, ob der auferstandene Christus Fisch oder doch eher keine Nahrungsmittel zu sich genommen habe.

Seine tierethische Position bezeichnet Remele als „vegetarisch-veganen Imperativ“. Das bedeutet, dass Menschen keine Tiere und Tierprodukte konsumieren dürfen, da Aufzucht und Transport der Tiere auch in Bio-Betrieben qualvoll verlaufe. Das Töten von Tieren ist nur zu rechtfertigen, wenn der Tod von Menschen anders nicht verhindert werden kann.

Remeles Haltung ist hauptsächlich vom Mitgefühl mit den Tieren motiviert. Diese emotional fundierte Haltung lässt sich aus den vernunftbetonten tierethischen Positionen nicht herleiten. Konsequent zu Ende gedacht, führen diese bekannten Positionen meist in Schwierigkeiten. Der utilitaristische Ansatz, also die Vermehrung von Glück und die Verhinderung von Unglück, beruht bei Peter Singer auf der Abwägung konkurrierender Interessen von Menschen und Tieren. Die Aufwertung von Tieren aufgrund ihrer Empfindungsfähigkeit und Ihres Bewusstseins führt in letzter Konsequenz zur Abwertung von Babies und behinderten Menschen. Die tierrechtliche Position (Tom Regan) würde schließlich zur Gewährung von Bürgerrechten für Tiere führen.

Die Haltung des Mitgefühls mit den Tieren ist zwar nicht konsequent aus der christlichen Ethik abzuleiten. Remele zeigt aber, dass sie mit verschiedenen christlich-ethischen Konzepten kompatibel ist. So entspricht sie einer Ethik des Gemeinwohls, da der Mensch gemeinsam mit den Tieren Teil eines ökologischen Systems ist, das durch intensiven Fleischkonsum Schaden nimmt.

Zweitens ist die Haltung des Mitgefühls mit einer konsistenten Ethik des Lebens kompatibel. Die Ethik des Lebens leitet sich von der Theologie Albert Schweitzers her. „Konsistente“ Ethik des Lebens bedeutet nach Kardinal Joseph Bernardin, dass diese nicht nur bestimmte Bereiche, wie den Beginn und das Ende des Lebens, sondern alle Bereiche umfassen muss. Konkret muss ein Kind, das vor der Abtreibung bewahrt wurde, später einen Zugang zu Bildung und Arbeit haben. Remele möchte in Bernardins Konzept, wie bei Albert Schweizer, alle Geschöpfe einbezogen wissen.

Drittens sieht Remele einen engen Zusammenhang seiner Forderung mit der Haltung der Achtsamkeit, die in der buddhistischen Religion eine große Rolle spielt. Während im Westen hauptsächlich die Wahrnehmung des Schönen in der Natur rezipiert wurde weist Remele auf die Wahrnehmung dessen, was wir nicht gerne sehen, hin. Das Leid der Tiere durch das Konsumverhalten der Menschen verdient unsere Achtsamkeit.

Letztlich kann Remeles Tierethik auf theologischer Ebene nicht überzeugen. Hier fehlt eine schlüssige Argumentationslinie. Die Lektüre wirkt hauptsächlich, wie mit dem Zentralbegriff „Mitgefühl“ schon benannt, auf der emotionalen Ebene. Einleuchtend ist außerdem die Argumentation, dass durch Fleischkonsum ökologischer Schaden entsteht. Dass das Leid der Tiere nicht zu breit ausgemalt wird, macht die Lektüre erträglich, ebenso wie der Verzicht auf die Forderung, den Fleischverzicht „militant“ durchzusetzen. Direkt einladend wirkt der Schlussgedanke, dass Fleischverzicht von einer äußeren Pflicht zu einem inneren Bedürfnis werden kann.


Juni 2016, Ulrike Fries-Wagner

Zuletzt geändert am: 21.06.2016 um 08:08

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