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Mystik und Spiritualität

 

Dieses Foto zeigt das Grabmal des persischen Dichters Rumi in Konya in der Türkei. Aus einer Quelle fließt Wasser in die oberste Schale, es verteil sich und fließt schließlich wieder in der untersten Schale zusammen.

 

 

 

 

 

In den vergangenen fünfzig Jahren hat das zunehmende Interesse an Mystik und Spiritualität zu einer Wiederbelebung der Praxis der Meditation inner- und außerhalb der Kirche geführt. Mit ursächlich für die neue spirituelle Sehnsucht ist, dass vielfach die theologische Sprache nicht mehr verstanden wird und die bisherigen Sinndeutungen, die die etablierten Kirchen anbieten, nicht mehr tragen. Antworten auf die Glaubens- und Sinnfragen werden mit Hilfe der Meditation gesucht. Im spirituellen Interesse spiegelt sich damit eine Krise der Kirche und der Theologie.

Die Gesellschaft für eine Glaubensreform will Glauben so zur Sprache bringen, dass er inmitten unserer – nicht nur für christliche Traditionen und Erfahrungen – offenen Kultur als Weg erkennbar wird, auf dem wir Gotteserfahrungen machen und hineingenommen werden in den noch unabgeschlossenen evolutionären Prozess der Menschwerdung. 

Zu diesem Weg gehört heute die Rückbesinnung auf die Erfahrungsdimension der Mystik und die Einübung eines spirituellen Weges. Dies hat Klaus-Peter Jörns schon in seinen Notwendigen Abschieden betont. Glaube kann nicht mehr nur mit dem Fürwahrhalten von Inhalten gleichgesetzt werden, sondern er betrifft den inneren Menschen und seine religiösen Erfahrungen. In der Mystik wird erfahrbar, dass Gott und Mensch in einer unverlierbaren Beziehung zueinander sind, die sich in der Liebe ausdrückt.

Für eine Reform des Glaubens reicht es nicht, auf der Ebene der Reflexion Glaubensinhalte für das Was und Wie des Glaubens zeitgemäß zu interpretieren. Es ist ganz zentral, dass der Glaube außerhalb theologischer Glaubensnormen von eigenen spirituellen Erfahrungen bestätigt und getragen sein muss, um lebendig zu sein. Erst die Erfahrung der Einheit der Wirklichkeit, also der Ganzheit des Lebens aus Gott, Menschen, allen anderen Geschöpfen und Kosmos, bestätigt die Aussage, dass Gott Liebe ist, und dass der Glaubende in und aus Gott lebt. 

Die Bedeutung der spirituellen Praxis in Form der Meditation für den Glauben und das Leben besteht weiter darin, neben der Verankerung in Gott oder dem Urgrund des Seins die Wirklichkeit wahrnehmen zu können, wie sie tatsächlich ist; und gegenwärtig, also präsent, im Alltag zu leben. Sich als Teil der Schöpfung zu ver­stehen und im verantwortlichen Miteinander dieses gemeinsame Leben zu gestalten, ist nicht nur ein zentraler Beitrag zum Frieden in der Welt, sondern auch zur öko­lo­gischen Mitverantwortung.

Der Weg zu dieser Erfahrung wird von der Mystik seit den Wüstenvätern als unio mystica beschrieben. Heute wird allgemein von der Beziehung zum Transzendenten gesprochen, und Mystik wird mit dem Leitbegriff der Spiritualität verbunden. Spirituelle Erfahrungen werden zunächst weltanschaulich offen als Seins- oder Wesens­erfahrungen bezeichnet, die dann vor dem Hintergrund des eigenen Glaubensver­ständnisses interpretiert werden können.

Vier Zugänge zu einem spirituellen Weg sollen kurz benannt werden:

1) Der traditionelle Zugang. Es gibt Menschen, die in ihrer kirchlichen Tradition stehen und eine Vertiefung ihres Glaubens suchen. Für diese gibt es die Möglichkeit der Wort- und Textmeditation, des Herzensgebets, wie es in verschiedenen Klöstern oder Kontemplationsgemeinschaften angeboten wird. Für Christen, die sich auch der nichtgegenständlichen Meditation öffnen, hat Willigis Jäger eine Form der Kontem­pla­­tion entwickelt, in der er sich Johannes vom Kreuz und der Wolke des Nichtwissens verpflichtet weiß.

Lit.: K. Ware, E. Jungclaussen, Hinführung zum Herzensgebet, Freiburg/Breisgau, 1982.

Willigis Jäger, Kontemplation, ein spiritueller Weg, Freiburg/Breisgau, 2010.

Monika Renz, Der Mystiker aus Nazareth, Freiburg/Breisgau, 2013

2) Zen für Christen. Der Weg von Pater Lasalle. Er hat versucht die Methode des Sa-Zen (Sitz-Mediation) aus dem Buddhismus herauszulösen und für Christen als spirituellen Übungsweg zu gestalten. Nach seiner Auffassung kann die nichtpersonale Erfahrung in der ungegenständlichen Meditation des Zen aus christlicher Sicht den­noch als personale Erfahrung gedeutet werden.

Lit.: H.M. Enomiya Lassalle, Zen-Meditation für Christen, München, 31995.

3) Zen als Philosophia perennis. Für Willigis Jäger ist Zen weltanschaulich offen, da es eine besondere Überlieferung gibt, außerhalb der Schriften. Deshalb ist Zen auch keine Religion. Zen ist als Erfahrung vor allem die Schau des eige­nen Wesens und leistet im Alltag Friedens- und Entwicklungsarbeit für die Menschheit.

Lit.: Willigis Jäger, Doris Zölls, Alexander Poraj, Zen im 21. Jahrhundert, Bielefeld, 2009.

4) Therapeutische Spiritualität. Graf Dürckheim überträgt den Geist des Zen in die von ihm begründete Form der initiatischen Therapie: Aufgabe des Menschseins ist es, transparent zu werden für die dem Menschen innewohnende Transzendenz. Das Sitzen im Stile des Sa-Zen ist der methodische Zugang zur Einswerdung mit dem ›Wesen‹. Eine moderne Form der therapeutischen Spiritualität ist das Achtsamkeits­training nach Jon Kabat-Zinn (MBSR, Mindfull-Based-Stress-Reduction).

Lit.: Karlfried Graf Dürckheim, Meditieren – wozu und wie, Freiburg/Breisgau, 1976.

       Jon Kabat-Zinn, Achtsamkeit für Anfänger, Freiburg/Breisgau, 2013.

Sowohl traditionsgebundene als auch nicht mehr in der kirchlichen Tradition stehen­de Menschen haben mit einem der aufgezeigten Wege die Möglichkeit, einen spiri­tuellen Weg zu beschreiten.

Die Ebene der spirituellen Erfahrungen ist eine wichtige Grundlage für einen heute notwendigen Dialog der Weltreligionen. Die spirituellen Traditionen der Weltreligionen stehen außerhalb der Ab- und Ausgrenzungen durch Dogmen. Sie können die unterschiedlichen Religionen verbinden, weil Gotteserfahrungen und        -beziehungen nicht nur für bestimmte Religionen zugänglich sind, sondern alle Transzendenzerfahrungen sich auf denselben Gott oder Urgrund beziehen. Die von der GfGR angestrebte Glaubensreform geht davon aus, dass alle Religionen in eine universale Wahrnehmungsgeschichte Gottes (Klaus-Peter Jörns) hineingehören, in der jede einzelne Religion (nur) Teil eines Ganzen ist. Dies ermöglicht die Anerkennung des religiös Anderen, aber auch die Möglichkeit voneinander zu lernen und mit anderen und nicht gegen andere das eigene Profil zu präzisieren.

Lit.: http://de.wikipedia.org/wiki/Mystik

Katajun, Amirpur, Wolfram Weiße, Religion – Dialog – Gesellschaft: Analysen zur gegenwärtigen Situation und Impulse für eine dialogische Theologie, Münster, 2015.

                                                          ---

Dr. Ulrich Mack, Zen- und Kontemplationslehrer

Lit.: Ulrich Mack, Von Luther zu einer zeitgemäßen Spiritualität, Eine Wegbeschreibung in die Stille, Bad Schussenried, 2016.

 

 

 

 

 


 

© 2018 Gesellschaft für eine Glaubensreform e.V.
| Seite zuletzt geändert am: 27.01.2018, 17:48 von Ulrike Fries-Wagner |