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Jesus: Gottes und der Menschen Neuanfang

Die Bronzeplastik stellt einen im Nil vorkommenden Fisch dar, der nach dem göttlichen Sohn Horus benannt worden ist. Die Plastik stammt aus der Spätzeit den Neuen Reiches (1350-500 v. Chr. häufig belegt). Hauptort für die Verehrung des Horus als Fisch ist Oxyrrhynchos - ein Ort, an dem sich schon in sehr früher christlicher Zeit eine christliche Gemeinde gebildet hat. Es gab hier später sogar ein Kloster, in dem neutestamentliche Schriften kopiert worden sind. Noch heute verwendet die wissenschaftliche Theologie eine Ausgabe des griechischen Neuen Testaments, die an vielen Stellen Papyri aus Oxyrrhynchos als Zeugen anführt.

Für uns wichtig ist, dass in Oxyrrhynchos die Verbindung des Gottessohnes (Horus) mit dem Fisch als Symbol für das Leben Tradition hatte. Aus der frühen Christenheit kennen wir denselben symbolischen Gebrauch des Fisches für den als Sohn Gottes geglaubten Jesus Christus. Die Dogmatik hat das griechische Wort für Fisch - I CH TH Y S - später als Kurzbekenntnis aus den fünf Buchstaben so formuliert: Jesus Christus Gottes Sohn (der) Heiland. (K-P J)

 

Das Mosaik stammt aus den Vatikangrotten unter der St. Peter-Basilika in Rom aus dem 3. Jahrhundert. Es zeigt Jesus Christus in einer Pose, die bis dahin dem griechisch-römischen Sonnengott Helios-Sol vorbehalten war. Nun aber lenkt Jesus den Sonnenwagen wie Helios-Sol bzw. vohrher schon Apollon. Dass es sich um Jesus Christus handelt, zeigt eindeutig die siebenstrahlige Sonnenkrone auf seinem Haupt, die auch als eine erweiterte Kreuzesdarstellung gelesen werden kann. (K-PJ)

 

 

 

Die Beziehung zu Jesus als Gottesbeziehung

Dass es Erfahrungen gibt, die Menschen von (einem) Gott herleiten, hat damit zu tun, dass wir das uns umgebende Leben als etwas empfinden, das größer ist als wir, ja, das unfassbar ist. Unfassbar ist das wirkliche Leben in seiner Vielfalt und Vielschichtigkeit, weil wir es trotz allen Wissens und Verstehens niemals von außen betrachten können. Denn wir sind und bleiben vom Geborenwerden bis zum Sterben selbst Teil des Lebens. Das Reden von „Gott“ ist, so besehen, ein vernünftiger Versuch auszudrücken, dass alles mit allem zusammenhängt - durch den Geist, der alles in Beziehung hält.

Wer das Leben mit Gott in Verbindung bringt, vertraut darauf, dass sich das eigene und alles andere Leben zusammen mit der Erde und dem Weltall weiter entwickeln werden, obwohl alle Lebensgestalten sterblich sind. Denn jede Pflanze, jedes Tier und jeder Mensch gestalten, indem sie sich entfalten, das Leben als Ganzes in der fortdauernden Schöpfung (creatio continua) mit. Alle Begegnungen und Entdeckungen, aber auch alle Abschiede und Verluste und vor allem das wachsende Bewusstsein, selber sterben zu müssen, lösen Fragen nach dem Sinn des Lebens aus. Die Antworten auf diese Fragen wandeln sich - und sprechen davon, dass auch Gottes Sein ein Werden ist. Zu Gottes Werden gehören Bilder und Namen, mit deren Hilfe Menschen Gott wahrnehmen. Auch sie sind an die Bildprogramme der sich wandelnden Kulturen gebunden, sie werden und vergehen.

In Gott sind weiblich und männlich, unsere Herkunft und Zukunft, aber auch Lebens- und Gottesbeziehung verbunden. Gott ist Geist, ist in uns und ist das alltägliche Du, an dem wir werden (M. Buber). „Denn das Leben ist die Liebe, und des Lebens Leben Geist“ (J. W. v. Goethe, Westöstlicher Divan). In jedem Gegenüber können wir Gott Dank sagen für das, was wir am Leben als schön und gut empfinden, aber auch beklagen, was uns erschreckt und peinigt.

Glaubensreform zielt darauf, diesen Lebensbezug des Glaubens wieder herzustellen. Der Weg dahin wird von der Spur gewiesen, die die Jesus-Überlieferung in den vier biblischen Evangelien und in außerbiblischen Quellen bereithält. Allerdings ist die Jesus-Überlieferung schon im Neuen Testament von der „apostolischen Tradition“ in vielen Bereichen wieder den religiösen Denkstrukturen angepasst worden, die Jesus überwunden hatte. Davon ist inbesondere die Deutung seines gewaltsamen Todes als kultisches Sühnopfer betroffen. Für Jesus galt der Grundsatz: Menschen sind nicht für die Religion da, sondern Glaube und Religion haben dem Leben zu dienen (Markus 2, 27), Leiden zu lindern (Matthäus 25, 40.45) oder zu heilen (Lukas 9, 1-6) und eine mit dem herrscherlichen Gottesbild verbundene lebensfeindliche Gesellschaftsstruktur zu bekämpfen.

Wo dieser Grundsatz gilt, ist die Gestalt der Kirche sekundär (Lukas 9, 49-50). Gerade weil es so viel Leid in der evolutionär-kreatürlichen Welt gibt, ist seit Jesus der Dienst an Menschen und Tieren (Matthäus 12,11f) und ihrer je eigenen Würde der zentrale Gottesdienst. Und weil es schwer ist, gut zu sein, ist es das „Gesetz Christi“, sich gegenseitig zu helfen (Galater 6,2), Schuld zu vergeben und so einander Christus zu sein (Johannes 20, 21-23) - ohne Vorbedingungen und über alle religiösen Grenzen hinweg. Indem uns die Beziehung zu Jesus zur Vergebung fähig macht, erweist sie sich als Gottesbeziehung. Herrschaftsansprüche über Menschen und die alte Schreckensherrschaft der Menschen über Tiere (Genesis 9,2) aber gehören nicht mehr zum „Reich Gottes“, wie Jesus es gelebt hat.

Das Menschenbild Jesu als Evangelium1

Das Besondere an Jesu Denken und Leben wird durch sein Bild vom Menschen geprägt. Allen einzelnen Charakteristika, die ich im Folgenden aufzählen werde, ist eins gemeinsam: Jesus sieht die Menschen nicht als missratene und auf kultische Erlösung angewiesene Wesen. Vielmehr bleiben sie auf jeder Stufe ihres Lebens auf die Liebe anderer Menschen und auf eine geduldige Begleitung angewiesen - denn Mensch sein ist Mensch werden. Niemand ist vollkommen, alle bleiben im Laufe ihres Lebens vielen vieles schuldig. Und weil keiner sich selbst entschuldigen kann, ist Vergebung der Schlüssel zum Reich Gottes.

- Das Bild vom bösen Menschen, der für seine Taten bestraft und so angeblich vor dem Bösen bewahrt werden muss, ist nicht mehr Jesu Menschenbild. Deshalb benutzt Jesus auch nicht mehr die „Sprache der Gewalt“, mit der die Menschen vor allem im 5. Buch Mose zum absoluten Gehorsam gegenüber Gott Jahwe gezwungen werden sollten. Trotzdem verschwindet die „Sprache der Gewalt“ im Neuen Testament nicht, sondern modifiziert sich in der apostolischen Tradition nur und wird vor allem im Zusammenhang mit dem Thema Erlösung bzw. Versöhnung benutzt. Denn für die kultische Theologie gilt: „Vergebung ohne Blutvergießen ist nicht möglich“ (Hebr. 9,22). Von dort aus ist die Sprache der Gewalt in den Sprachgebrauch der Kirche gekommen: Durch Drohungen mit dem Jüngsten Gericht und durch den Einsatz von Gewalt in der Kindererziehung sind unendlich viele Menschen seelisch und leiblich gequält worden. Vor allem Eugen Biser hat herausgestellt, dass Gott, wie Jesus ihn verkündet und gelebt hat, uns un-bedingt liebt, also ohne jede Vorleistung; und dass es ihm nicht um den Gehorsam der Menschen geht, sondern darum, dass sie sich in der von Gott ausgehenden Lebensbeziehung geborgen wissen.

- Jesu Menschenbild spiegelt seine Gottesverkündigung und richtet sich zuerst an die Kinder. Jesus hat den Kindern das Himmelreich aufgeschlossen und die Erwachsenen ermahnt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich Gottes kommen“ (Matthäus 18,3). Jesus hat den Kindern damit einen Rang zugewiesen, den sie bis dahin nicht hatten. Das bedeutete die völlige Abkehr vom gewohnten Bild des durch die „Erbsünde“ bösen Menschen.

- Frauen sind für Jesus nicht besser oder schlechter als Männer. Er lebte mit beiden zusammen. „ Die Zwölf begleiteten ihn und einige Frauen …, die mit ihrem Vermögen für sie sorgten.“ (Lukas 8,1-3) Seine Auferstehung haben zuerst Frauen bezeugt. Deswegen kann sich niemand auf Jesus berufen, der Frauen von irgendwelchen Ämtern prinzipiell ausschließt oder Kindern durch Prügel „den Teufel austreiben“ will oder sie sonst irgendwie zwingt, ihm zu Willen zu sein. Verraten und verleugnet worden ist Jesus nach den Evangelien von Männern.

- Zu Recht hat man den folgenden Ausruf Jesu gern als „Heilandsruf“ bezeichnet: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und belasten seid, ich will euch Ruhe geben (vor dem, was euch quält).“ Jesus hat offenbar wahrgenommen, dass das Leben gerade für diejenigen Menschen schwer ist, die gut sein wollen. Seine Aufgabe hat er darin gesehen, die Menschen von der Vorstellung zu befreien, dass Gott als Despot mit allen Mitteln seelischer und körperlicher Gewalt sein Recht einfordert.

- Auch bei Jesus sollen Menschen bekommen, was sie verdient haben. Aber das ist nicht das letzte Wort. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthä-us 20,1-15) fügt Jesus eine neue Regel hinzu, die die alte Äquivalenzregel bricht. Denn es gibt viele Menschen, die keinerlei Verdienst vorweisen können. Jesu Regel lautet: Jeder soll bekommen, was er zum Leben braucht. Denn keine Regelung kann lebensdienlich heißen, die nicht dafür sorgt, dass alle leben können.

- Der Mensch braucht Zeit, um zu lernen, auch aus Fehlern. Niemand verliert das Lebensrecht dadurch, dass er ein fehlerhafter Mensch ist. „Wie oft soll ich meinem Bruder vergeben? Bis zu sieben Mal?“ wurde er gefragt. Und Jesus soll geantwortet haben: „Sieben Mal siebzig Mal.“ (Matthäus 18,21-22) Das heißt: Immer wieder, wenn es nötig ist. Und weil wir alle Täter und Opfer zugleich sind, können wir nicht Gott für uns um Vergebung bitten, ohne den Mitmen-schen vergeben zu wollen (Matthäus 6,12).

- Doch nicht nur Menschen schulden wir Liebe und Achtung, sondern auch Tieren. Jesus lebte 40 Tage und Nächte allein mit Tieren, bevor er seine Wandertätigkeit begann, lesen wir bei Markus (1,12-13). Vielleicht deshalb wollte er später auch, dass Menschen für ein Tier, das Hilfe braucht, die Sabbatruhe brechen (Matthäus 12,11). Welche Gewohnheiten müssen wir aufgeben, damit wir uns vor Gott und den Tieren sehen lassen können?

- Das Recht zu vergeben, kennzeichnet die neue Würde der Menschen, die Jesus folgen. Das ist nicht nur Sache des einen Gottessohnes, sondern aller Kinder Gottes. Mit der revolutionären Entscheidung, die Vergebung der Sünden aus der Vollmacht der Priester und des Kultes herauszunehmen und den Fischern und Handwerkern zu übertragen, hat Jesus die Mächtigen in Jerusalem gegen sich aufgebracht. Sie hat ihn sogar den Kopf gekostet. Aber mit ihr hat er auch am stärksten ausgedrückt, wie viel er denen, die seinen Weg gehen wollten, anvertraut und zugemutet hat: „Ihr seid das Licht der Welt!“ hören sie, die ‚kleine Lichter’ wie wir alle waren. „Ihr seid das Salz der Erde!“ Wer sich von Gottes Liebe anstecken lässt, bringt Gott als große Energie ins Lebensspiel, überall. Der als einziger Gottessohn Geglaubte wollte für sich keine Sonderrolle. Die Kraft, die traditionellerweise von dem einen Messias, Erlöser, Heiland, Versöhner, Davids Sohn, Gottessohn und seinen Priestern erwartet wurde, sollte nach Jesu willen nun von allen ausgehen, die ihm folgten. Darum hat er die Vergebung, die wir von Gott erbitten, zusammen mit der Bereitschaft zu vergeben im Zentrum des Unser-Vater-Gebetes verankert. Ein Amt oder gar eine spezielle Weihe braucht es dafür nicht - aber die Einsicht, dass das Reich Gottes ohne Vergebung der Menschen untereinander nicht gebaut werden kann.

 

Klaus-Peter Jörns (25.11.2014)

 


1Dieser Abschnitt bezieht sich auf meinen Aufsatz „Das Menschenbild Jesu als Weg aus der Glaubenskrise“, erschienen in: R. Heinzmann (Hg.), Kirche – Idee und Wirklichkeit. Für eine Erneuerung aus dem Ursprung, Freiburg 2014, S. 42-55.
 

 

Autor

 Prof. Dr.
Klaus-Peter Jörns

  

 


 

© 2017 Gesellschaft für eine Glaubensreform e.V.
| Seite zuletzt geändert am: 28.03.2017, 15:18 von Klaus-Peter Jörns |