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Feministische Theologie / Genderforschung

Bei der Graphik handelt es sich um eine Arbeit von Pablo Picasso. Sie hat von ihm den Titel "Zeichnung 1926" erhalten. In diesem Titel steckt insofern eine programmatische Aussage, als die Zeichnung den demonstrativen Versuch darstellt, die vielen eindimensionalen Wahrnehmungen und Darstellungen von Frauen in der Kunst zu überwinden. Auf den Füßen stehen in der "Zeichnung 1926" deshalb mehrere Wahrnehmungsgestalten ein- und derselben Frau aus unterschiedlichen Perspektiven. In der Kunstgeschichte hat der Kultur-und Kunsttheoretiker Jean Gebser (1905-1973) diese Zeichnung als typisch für den Übergang von der Zentralperspektive zu einer integralen, multiperspektivischen Darstellung gesehen. (K-PJ)

 

Seit den 1960er Jahren findet ein Perspektivenwechsel in der Theologie statt. Theologinnen machten nämlich bewusst, dass theologische Konzepte und Lehren von der Geschlechtszugehörigkeit beeinflusst werden. Während Jahrhunderten haben nur Männer das Nachdenken über Gott und die christliche Glaubenslehre geprägt und damit ihre männlichen Erfahrungen und Sichtweisen zu allgemein-menschlichen Erfahrungen erhoben. Frauen kamen bis ins 20. Jh. weder in der theologischen Wissenschaft noch in der Institution Kirche zu Wort. Eine männerzentrierte Theologie hat aber nicht nur Frauen und ihre Erfahrungen übergangen; sie hat überdies eine patriarchale Geschlechterordnung und die Unterordnung und Benachteiligung von Frauen in Kirche und Gesellschaft jahrhundertelang theologisch gerechtfertigt – u.a. mit Verweis auf die göttliche Schöpfungsordnung.

Gegen eine solche patriarchale Theologie setzt sich feministische Theologie zur Wehr. Sie ist eine Theologie von feministisch orientierten Frauen, die das Patriarchat in Gesellschaft und Kirche kritisieren und überwinden wollen, um eine frauenbefreiende und geschlechtergerechte Theologie zu entwickeln. Feministische Theologinnen machen die unsichtbar gebliebenen Erfahrungen von Frauen zum Ausgangspunkt ihrer theologischen Arbeit: ihre weiblichen Lebens- und Glaubenserfahrungen, aber auch ihre Leidenserfahrungen von Benachteiligung und Verschwiegenwerden. Sie bringen weibliche Bilder in die Gottesrede ein, reinterpretieren die Lehre von Jesus als dem Erlöser so, dass sie auch Frauen heil werden lässt und frei, und machen bewusst, dass Männersünden nicht gleich Frauensünden sind. Sie eignen sich die vergessene Geschichte der Frauen in der Kirchengeschichte wieder an und sehen in den grossen Mystikerinnen und Theologinnen wie z.B. Mechthild von Magdeburg, Hildegard von Bingen und Theresa von Avila geistige Vor-Schwestern.

Feministische Theologinnen bringen auch das verschüttete biblische Erbe von Frauen wieder ans Licht. Sie entdecken neben patriarchalen Bibeltexten, die die Unterordnung der Frau unter den Mann legitimieren wollen (1 Kor 11,7; 1 Tim 2,12-15 u.a.), auch die verdrängte Geschichte der Jüngerinnen und Nachfolgerinnen Jesu, die Bedeutung von Maria Magdalena als Auferstehungszeugin und Apostelin der Apostel, die aktive Rolle von Frauen als Gemeindeleiterinnen, Missionarinnen und Apostelinnen. Sie widerlegen damit die Behauptung, die Jesusbewegung sei eine reine Männerschar gewesen, und rekonstruieren die christlichen Anfänge als eine "Nachfolgegemeinschaft von Gleichgestellten" (E. Schüssler Fiorenza), in der Männer und Frauen gemeinsam die Botschaft Jesu weitertrugen und am Aufbau der christlichen Gemeinden beteiligt waren.

Die Erkenntnisse und theologischen Konzepte feministischer Theologie haben ihren Niederschlag auch in der liturgischen und seelsorgerlichen Praxis gefunden: Die weite Verbreitung von Frauengottesdiensten, Segensfeiern für weibliche Lebenszusammenhänge und Übergänge sowie frauenspezifische Seelsorgeangebote zeugen davon.

Feministische Theologie hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt und verändert. So hat sich z.B. das Interesse, besonders von jüngeren Theologinnen, zur sog. Genderforschung verschoben. Genderforschung hat ihren Fokus nicht mehr primär auf den Frauen, sondern rückt die Kategorie Geschlecht, d.h. das durch Sozialisationsprozesse, Rollenzuschreibungen und kulturelle Normen erworbene Geschlecht, und das Geschlechterverhältnis ins Zentrum. Es wird untersucht, inwieweit Bibel, Theologie und Kirche an der Herstellung und Verfestigung von "Geschlecht" und der Reproduktion von Geschlechterrollen beteiligt sind.
Feministische Theologie ist in den letzten Jahren zudem kontextuell vielfältiger und kulturell vielstimmiger geworden. Sie ist keine Angelegenheit von weissen, westlichen Theologinnen und auch keine Theologie im Singular mehr, sondern Theologie im Plural und zunehmend nicht nur interkulturell, sondern auch interreligiös ausgerichtet.

(20.2.13, Doris Strahm)

Autorin

 

Dr. Doris Strahm

 


 

© 2017 Gesellschaft für eine Glaubensreform e.V.
| Seite zuletzt geändert am: 07.04.2016, 16:43 von Klaus-Peter Jörns |